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Full text of "Alice im Spiegelland"

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An    alle    deutschen    Rinder^ 
die    dieses    Buch    lesen! 


Manche  von  Eudi  kennen  die  Abenteuer  der  kleinen  Alice 
im  Wunderland,  wo  sie  den  Kartenkönigen  und  Kartenköniginnen 
begegnet  und  so  komisdie  Dinge  erlebt ;  nun,  hier  ist  der  Beridit 
über  ihre  Reise  ins  Spiegelland,  und  der  wird  Euch  nicht  weniger 
unterhalten.  Alice  trifft  da  allerlei  lebendige  Schachfiguren 
und  spielt  mit  ihnen  eine  höchst  aufregende  und  interessante 
Partie  Schach.  Viele  Generationen  von  englisciien  Kindern  haben 
dieses  Buch  wie  das  aus  dem  Wunderland  mit  Spannung  und 
Entzücken  gelesen ;  es  ist  in  England  und  in  Amerika  so  bekannt 
und  geliebt  wie  die  Grimm'schen  Märchen  bei  Euch  und  der 
Robinson  Crusoe  in  der  ganzen  Welt. 

Nun  sollt  Ihr  deutschen  Kinder  es  auch  besitzen.  Diejenigen 
unter  Eucii,  denen  es  am  besten  gefällt,  bitte  ich,  mir  einen  Brief 
zu  schreiben  und  mir  zu  sagen,  welciies  von  allen  deutsciien 
Büchern  wir  wohl  nun  den  englischen  Kindern  als  Gegengeschenk 
für  die  „Alice"  schicken  sollen,  damit  sie  es  in  ihrer  eigenen 
Sprache  lesen  und  sich  daran  freuen  können. 

Wien,  XIII/1  HELENE  SCHEURIESZ 


LEWIS     CARROLL 

A      E      I      C      E 

DEUTSCH  VON 

HELENE      SCHEU.  RIESZ 

AUSSTATTUNG  VON 

URIEL       BIRNBAUM 


19  2  3 

SESAM-VERLAG 

WIEN      —     LEIPZIG      —      NEWYORK 


SCHWARZ 


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WEISS 


Weißer  Bauer  (Alice)  zieht  und  gewinnt  in  elf  Zügen. 


Seile 

1.  Alice  trifft  S.  Königin  .  .    21 

2.  Alice  über  D3  (per 
Bahn)  nach  D4  (Didel- 
dum  und  Dideldei)  ...     28 

3.  Alice  trifft  W.  Königin 
(mit  Tudi)  , 52 

4.  Alice  nach  D  5  (Laden, 
Fluß,  Laden) 57 

5.  AlicenadiD6(Plumpsti 
Bumsti) 63 

6.  Alice  nach  D7  (Wald)    85 

7.  W.Ritter  nimmt  S.  Riller    88 

8.  Alice  nach  D8  (Krö- 
nung)   101 

9.  Alice  wird  Königin  ...  109 

10.  Alice  im  Schloß 112 

11.  Alice  nimmt  S.  Königin 


Seite 

1.  S.  Königin  nach  H5  .  .    24 

2.  W.  Königin    nadi    C4 
(nach  Tuch) 51 

3.  W.  Königin    nach   C5 
(wird  Schaf) 57 

4.  W.    Königin    nacii    F8 
(läßt  Ei  im  Fach) 62 

5.  W.   Königin   nach   C8 
(Flucht  vor  S.  Ritter)  .  .    81 

6.  S.     Ritter      nacii      E7 
(Schach!) 86 

7.  W.  Ritter  nach  F5  .  .  .  100 

8.  S.   Königin    nach    E  8 
(Prüfung)    104 

9.  Königinnen  im  Schloß  .  112 
10.  W.   Königin    nadi    A6 

(Suppe) 116 

und  gewinnt 117 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

I.  Kapitel:  Das  Spiegelhaus 7—17 

11.  Kapitel:  Der  Garten  der  lebenden  Blumen  ...  18—28 

III.  Kapitel:  Spiegelinsekten 29—38 

IV.  Kapitel:  Dideldum  und  Dideldei 39—51 

V.  Kapitel:  Wolle  und  Wasser 52-62 

VI.  Kapitel:  Plumpsti  Bumsti 63—75 

VII.  Kapitel :  Der  Löwe  und  das  Einhorn 76—85 

VIII.  Kapitel:  „Es  ist  meine  eigene  Erfindung" 86—101 

IX.  Kapitel:  Königin  Alice 102—117 

X.  Kapitel:  Beuteln    118 

XI.  Kapitel:  Aufwachen 119 

XII.  Kapitel:  Wer  hat  es  geträumt? 120-122 


I.  K  a  p  i  t  c  1. 

Das        Spiegelhaus. 


Eins  war  sicher:  das  weiße  Kätzchen  hatte  nichts 
damit  zu  tun  —  nur  das  schwarze  war  schuld 
daran.  Denn  während  der  letzten  Viertelstunde 
hatte  Dinah,  die  alte  Katze,  dem  weißen  Kätz- 
chen das  Gesicht  gewaschen  (und  es  hatte 
dabei  sogar  verhältnismäßig  still  gehalten);  es 
konnte  also  an  der  ganzen  Geschichte  keine 
Schuld  haben. 

Dinah  wusch  ihren  Kindern  auf  folgende  Weise 
das  Gesicht:  Zuerst  hielt  sie  die  armen  Kleinen  mit 
der  Pfote  am  Ohr  fest,  dann  rieb  sie  ihnen  mit  der 
anderen  Pfote  das  Gesicht  ab,  und  zwar  in  der 
umgekehrten  Richtung;  das  heißt,  von  der  Nase 
aufwärts.  Gerade  in  jenem  Augenblick  hatte  sie, 
wie  gesagt,  das  weiße  Kätzchen  fest  in  der 
Arbeit;  es  lag  ganz  still  da  und  versuchte  zu 
schnurren  —  es  fühlte  jedenfalls,  daß  alles  zu 
seinem  Besten  geschah. 

Das  schwarze  Kätzchen  hingegen  war  schon  gleich 
nach  Tisch  gewaschen  worden;  darum  hatte  es, 
während  Alice,  halb  schlafend,  halb  mit  sich  selber 
plaudernd,  in  einer  Ecke  des  großen  Lehnstuhls  zu- 
sammengerollt saß,  mit  dem  Wollknäuel  gespielt,  den 
Alice  aufwickeln  sollte.  Das  Kätzchen  hatte  ihn  herum- 
gerollt, bis  er  wieder  ganz  offen  war.  Da  lag  nun 
die  Wolle  vor  dem  Kamin,  verknotet  und  verwirrt, 
während  mitten  drin  das  Kätzchen  seinem  eigenen 
Schwanz  nachlief. 

„O  du  nichtsnutziges  kleines  Ding,"  rief  Alice, 
fing  das  Kätzchen   und   gab  ihm  einen  Kuß,   um  ihm 


zu  zeigen,  daß  es  in  Ungnade  wäre.  „Wirklich,  Dinah 
hätte  dir  bessere  Manieren  beibringen  sollen!  Jawohl, 
Dinah  I"  Und  sie  schaute  die  alte  Katze  vorwurfsvoll 
an.  Sie  bemühte  sich,  ihrer  Stimme  einen  möglichst 
zornigen  Ton  zu  geben.  Dann  kroch  sie  in  ihren 
Lehnstuhl  zurück  und  nahm  das  Kätzchen  und  den 
Wollknäuel  mit.  Sie  begann  den  Knäuel  wieder  auf* 
zuwickeln,  aber  sie  kam  nicht  sehr  rasch  vorwärts, 
denn  sie  plauderte  die  ganze  Zeit,  bald  mit  sich 
selbst,  bald  mit  dem  Kätzchen.  Dieses  saß  ganz  still 
auf  ihrem  Schoß  und  schien  beim  Aufwickeln  zuzu- 
sehen; ab  und  zu  streckte  es  eine  Pfote  aus  und 
berührte  sanft  den  Knäuel,  wie  um  zu  helfen. 

„Weißt  du,  was  morgen  los  ist,  Miez?"  begann  Alice. 
„Du  hättest  es  erraten,  wenn  du  vorhin  mit  mir  am 
Fenster  gewesen  wärst,  aber  Dinah  hat  dich  gerade 
gewaschen,  also  konntest  du  nicht  dabei  sein.  Ich 
habe  zugesehen,  wie  die  Knaben  Stödce  für  das  Berg- 
feuer holten.  Man  braucht  eine  Menge  Stöcke  dazu, 
Miez.  Es  ist  so  kalt  geworden  und  hat  so  stark  ge- 
schneit, daß  sie  jetzt  aufgehört  haben.  Das  macht  aber 
nichts,  Miez,  wir  werden  morgen  doch  hingehen  und  das 
Bergfeuer  anschauen."  Alice  wickelte  die  Wolle  jetzt 
einigemale  um  des  Kätzchens  Hals,  nur  um  zu  sehen, 
wie  ihr  das  zu  Gesicht  stünde.  Dies  führte  zu  einer 
Balgerei,  bei  welcher  der  Knäuel  auf  den  Boden 
rollte,  so  daß  sich  wieder  viele  Meter  Wolle  los- 
wickelten. 

„Weißt  du,  Miez,  ich  war  sehr  böse  auf  dich," 
sagte  Alice,  als  sie  beide  wieder  im  Lehnstuhl  saßen. 
„Als  ich  das  Unheil  sah,  das  du  angerichtet  hattest, 
wollte  ich  schon  das  Fenster  aufmachen  und  dich  in 
den  Schnee  hinauswerfen!  Du  hättest  es  verdient,  du 
kleiner  Nichtsnutz.  Was  kannst  du  zu  deiner  Ent- 
schuldigung vorbringen?  Unterbrich  mich  nicht!"  Sie 

8 


hielt  einen  Finger  in  die  Höhe.  „Ich  werde  dir  jetzt 
alle  deine  Sünden  aufzählen.  Nummer  eins:  Du  hast 
heute  beim  Waschen  zweimal  gequietscht;  du  kannst 
es  nicht  leugnen,  Miez.  Ich  habe  es  gehört!  Was 
sagst  du?"  (Sie  stellte  sich,  als  hätte  sie  das  Kätzchen 
sprechen  gehört.)  „Dinahs  Pfote  ist  dir  ins  Auge  ge- 
kommen? Da  bist  du  nur  selbst  schuld,  weil  du  deine 
Augen  beim  Gesichtwaschen  offen  hältst.  Wenn  du 
sie  fest  zugemacht  hättest,  wäre  das  nicht  passiert;  also 
keine  Ausrede  mehr!  Höre  weiter  zu!  Nummer  zwei: 
Du  hast  deine  Schwester  Schneeweißchen  am  Schwanz 
weggezogen,  als  ich  die  Milch  vor  sie  hinstellte.  Was, 
du  warst  durstig?  Woher  weißt  du,  daß  sie  nicht  auch 
durstig  war?  —  Und  jetzt  Nummer  drei:  Du  hast  die 
ganze  Wolle  vom  Knäuel  gewickelt,  während  ich  nicht 
hinschaute ! 

Das  sind  drei  Sünden,  und  du  wirst  für  jede  be- 
straft werden.  Weißt  du,  ich  hebe  dir  alle  Strafen  für 
übernächsten  Mittwoch  auf.  —  Wie  wäre  das  wohl, 
wenn  man  mir  meine  Strafen  aufheben  würde?"  fuhr 
sie  fort,  jetzt  mehr  zu  sich  selbst  als  zum  Kätzchen 
redend.  „Was  würde  man  am  Jahresende  mit  mir 
machen?  Wahrscheinlich  würde  ich  in  den  Kerker 
kommen,  oder,  wenn  ich  für  jede  Strafe  kein 
Mittagessen  bekäme,  dann  würden  mir  am  Ende  des 
Jahres  auf  einmal  fünfzig  Mittagessen  entzogen!  Nun, 
daran  würde  mir  nicht  viel  liegen,  es  wäre  besser, 
als  wenn  ich  alle  fünfzig  auf  einmal  essen  müßte !  — 

Hörst  du,  wie  der  Schnee  gegen  die  Fenster- 
scheiben schlägt,  Miez?  wie  schön  weich  das  kling!, 
gerade  wie  wenn  jemand  das  Fenster  von  außen 
küssen  würde.  Glaubst  du,  daß  der  Schnee  die  Felder 
und  Bäume  lieb  hat,  weil  er  sie  so  sanft  küßt?  und 
dann  deckt  er  sie  so  warm  zu,  weißt  du,  mit  einer 
weißen   Federdecke;  und   vielleicht  sagt   er:    „Geht 


schlafen,  ihr  Lieben,  bis  der  Sommer  wieder  kommt." 
Und  wenn  sie  im  Sommer  aufwachen,  Miez,  dann 
kleiden  sie  sich  ganz  in  Grün  und  tanzen,  so  oft  der 
Wind  bläst.  Oh,  das  ist  hübsch!«  Sie  ließ  den  Woll- 
knäuel  fallen,  um  in  die  Hände  zu  klatschen.  „Oh, 
wenn  es  nur  wahr  wäre!  Jedenfalls  schauen  die 
Bäume  im  Herbst  schläfrig  aus,  wenn  die  Blätter 
braun  werden.  — 

Miez,  kannst  du  Schach  spielen?  Lach  nicht,  ich 
frage  dich  im  Ernst.  Denn  während  meine  Schwester 
und  ich  jetzt  eben  spielten,  hast  du  zugeschaut,  als 
ob  du  etwas  davon  verstündest,  und  als  ich  ,Schach* 
sagte,  hast  du  geschnurrt!  Es  war  eine  hübsche  Schach- 
partie, Miez,  und  ich  hätte  gewinnen  können,  wenn 
nicht  dieser  dumme  Ritter  in  meine  Bauern  hinein- 
geritten wäre.  Liebes  Miezchen,  spielen  wir,  daß  ..." 
(Ich  wollte,  ich  könnte  hier  die  Hälfte  von  all  den 
Dingen  anführen,  die  Alice  zu  sagen  pflegte,  wenn  sie 
mit  ihrem  Lieblingssatz  „Spielen  wir,  daß ..."  anfing. 
Sie  hatte  gerade  gestern  einen  Streit  mit  ihrer 
Schwester  gehabt,  weil  Alice  gesagt  hatte:  „Wir 
wollen  spielen,  daß  wir  Könige  und  Königinnen  sind." 
Ihre  Schwester  hatte  eingewendet,  daß  das  nicht 
möglich  sei,  weil  sie  nur  zwei  wären.  Alice  hatte 
schließlich  gesagt:  „Du  kannst  eine  sein  und  ich 
werde  alle  andern  sein."  Einmal  hatte  sie  ihre  alte 
Kinderfrau  ernstlich  erschreckt,  indem  sie  ihr  plötzlich 
ins  Ohr  schrie:  „Kinderfrau,  wir  wollen  jetzt  spielen, 
ich  wäre  eine  Hyäne  und  du  wärst  ein  Knochen!" 
Aber  das  bringt  uns  von  dem  Gespräch  zwischen 
Alice  und  dem  Kätzchen  ab.)  „Wir  wollen  spielen, 
daß  du  die  schwarze  Königin  bist,  Miez ;  weißt  du,  ich 
glaube,  wenn  du  dich  aufsetztest  und  die  Arme  kreuztest, 
könntest  du  genau  so  aussehen  wie  sie.  Liebes 
Miezchen,  probier  es  einmal!"     Und  Alice  nahm  die 

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schwarze  Königin  vom  Schachbrett  und  setzte  sie  vor 
das  Kätzchen  hin,  als  Vorbild:  aber  die  Sache  ging 
nicht,  hauptsächlich,  weil  das  Kätzchen  seine  Arme 
nicht  richtig  kreuzen  wollte,  wie  Alice  sagte.  Zur 
Strafe  hielt  sie  es  vor  den  Spiegel,  um  ihm  zu 
zeigen,  wie  mürrisch  es  aussehe.  —  „Und  wenn  du 
nicht  gleich  lieb  bist,"  fügte  sie  hinzu,  „will  ich  dich 
in  das  Spiegelhaus  durchstecken.  Wie  würde  dir  das 
gefallen?" 

„Wenn  du  mir  zuhörst,  Miez,  und  nicht  so  viel 
schwatzest,  dann  will  ich  dir  sagen,  was  ich  über  das 
Spiegelhaus  denke.  Da  ist  einmal  das  Zimmer,  das 
du  durch  den  Spiegel  sehen  kannst  —  es  sieht  genau 
so  aus,  wie  unser  Wohnzimmer,  nur  stehen  alle  Sachen 
verkehrt.  Wenn  ich  auf  einen  Sessel  steige,  kann  ich 
alles  sehen;  —  alles,  bis  auf  das  Stüdcchen  hinter 
dem  Kamin.  Oh,  wenn  ich  doch  nur  dieses  Stückchen 
audi  sehen  könnte!  Ich  möchte  gar  so  gern  wissen,  ob 
sie  da  drüben  im  Winter  ein  Feuer  haben!  Man  kann 
das  nie  herausbringen,  außer  wenn  unser  Kaminfeuer 
raucht;  dann  kommt  auch  in  dem  Zimmer  da  drüben 
Rauch  in  die  Höhe  —  aber  vielleicht  ist  das  kein 
wirklicher  Rauch,  bloß  etwas  Vorgetäuschtes,  damit 
es  so  aussieht,  als  ob  sie  ein  Kaminfeuer  hätten.  Die 
Bücher  sind  ziemlich  ähnlich,  wie  die  unsrigen,  nur 
sind  die  Worte  verkehrt:  Ich  weiß  das,  denn  ich  habe 
eins  von  unsern  Büchern  vor  den  Spiegel  gehalten 
und  dann  haben  sie  auch  drüben  eins  in  die  Höhe 
gehalten." 

„Würdest  du  gerne  im  Spiegelhaus  wohnen,  Miez? 
wer  weiß,  ob  man  dir  dort  Milch  geben  würde!  Viel- 
leicht ist  Spiegelmilch  nicht  gut  zum  Trinken.  Miez, 
jetzt  kommen  wir  ins  Vorzimmer,  du  kannst  gerade 
ein  kleines  Stückchen  vom  Vorzimmer  im  Spiegelhaus 
sehen,  wenn  du  die  Türe  unseres  Wohnzimmers  weit 

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offen  läßt;  und  soweit  man  es  sehen  kann,  ist  es 
unserm  Vorzimmer  ziemlich  ähnlich,  aber  weißt  du, 
deshalb  kann  es  doch  weiter  rückwärts  ganz  anders 
sein.  Oh  Miez,  wie  schön  wäre  es  doch,  wenn  wir 
ins  Spiegelhaus  durchkommen  könnten!  Sicher  sind 
herrliche  Sachen  drin!  Wir  wollen  spielen,  daß  man 
auf  irgend  eine  Weise  durchkommen  kann,  Miez.  Wir 
wollen  spielen,  daß  das  Glas  ganz  weich  wird  wie  ein 
Schleier,  so  daß  wir  durchkönnen.  Schau  nur,  es  ver- 
wandelt sich  wirklich  in  eine  Art  Nebel,  da  wird  man 
ganz  leicht  durchkönnen!  — "  Während  sie  das  sagte, 
stand  sie  plötzlich  auf  dem  Marmorkamin  oben,  ob- 
wohl sie  kaum  wußte,  wie  sie  hinaufgekommen  war; 
und  wirklich  begann  das  Glas  zu  schmelzen  und  sich 
in  einen  hellen,  silbernen  Nebel  zu  verwandeln. 

Im  Augenblick  war  Alice  durch  das  Glas  hindurch 
und  in  das  Spiegelzimmer  gesprungen.  Das  erste,  wovon 
sie  sich  überzeugte,  war  das  Feuer  im  Kamin,  und  sie 
freute  sich,  zu  sehen,  daß  es  ein  wirkliches  Feuer  war 
und  genau  so  hell  brannte  wie  das,  wovor  sie  eben 
gesessen  war.  „Es  wird  also  hier  eben  so  warm  sein 
wie  im  alten  Zimmer"  dachte  Alice;  „ja  sogar  noch 
wärmer,  denn  hier  wird  mich  niemand  vom  Feuer  weg- 
schicken. Oh,  das  wird  lustig  sein,  wenn  sie  mich  durch 
das  Glas  sehen   und  mich  nicht  erwischen  können!" 

Dann  fing  sie  an,  herumzuschauen  und  bemerkte,  daß 
alles,  was  sie  aus  dem  alten  Zimmer  gesehen  hatte,  ganz  ge- 
wöhnlich und  uninteressant  war ;  das  übrige  ab  er  war  davon 
so  verschieden  wie  nur  möglich.  Zum  Beispiel  schienen 
die  Bilder  in  der  Wand  neben  dem  Kamin  alle  lebendig 
zu  sein  und  sogar  die  Uhr  auf  dem  Kamin  (man  kann  be- 
kanntlich nur  ihre  Rüd^seite  im  Spiegel  sehen)  hatte  das 
Gesicht  eines  kleinen  alten  Mannes  und  grinste  sie  an. 

Dieses  Zimmer  ist  nicht  so  sauber  gehalten,  wie 
das   unsrige,   dachte  Alice   bei   sich,   als   sie  einige 

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Schachfiguren  auf  dem  Kaminvorsatz  unter  der  Asche 
liegen  sah;  aber  im  nächsten  Augenblick  stieß  sie 
einen  Ruf  der  Überraschung  aus  und  kniete  auf  den 
Fußboden,  um  sie  zu  beobachten.  Die  Schachfiguren 
gingen  paarweise  herum! 

„Hier  ist  der  schwarze  König  und  die  schwarze 
Königin,*  sagte  Alice  flüsternd  (aus  Angst,  sie  zu 
erschrecken),  „und  dort  sitzt  der  weiße  König  und 
die  weiße  Königin  auf  der  Kohlenschaufel  —  und 
hier  gehen  zwei  Arm  in  Arm  spazieren.  Ich  glaube 
nicht,  daß  sie  mich  hören  können,"  fuhr  sie  fort  und 
neigte  den  Kopf  tiefer.  „Und  ich  bin  beinahe  gewiß, 
daß  sie  mich  nicht  sehen  können.  Ich  habe  ein  Gefühl, 
als  ob  ich  unsichtbar  wäre.* 

Jetzt   begann   etwas   auf  dem  Tisch  hinter  Alice' 
zu  quietschen;  sie   drehte  sich  um  und  sah  gerade 
noch  einen  der  weißen  Bauern  umfallen  und  um  sich 
schlagen.    Sie   beobachtete  ihn,  sehr  neugierig,   was 
wohl  jetzt  geschehen  würde. 

„Das  ist  die  Stimme  meines  Kindes  1*  schrie  die 
weiße  Königin  und  lief  so  heftig  am  König  vorüber, 
daß  sie  ihn  in  die  Asche  warf.  „Meine  teuerste  Lily, 
mein  königliches  Kätzchen!"  und  sie  fing  an,  eiligst 
das  Kamingitter  hinaufzuklettern. 

„Königlicher  Blödsinn!"  sagte  der  König  und  rieb 
sich  die  Nase,  die  er  sich  beim  Hinstürzen  an- 
geschlagen hatte.  Er  hatte  guten  Grund,  ärgerlich  zu 
sein,  denn  er  war  von  oben  bis  unten  mit  Asche  bedeckt. 

Alice  wollte  sich  gern  nützlich  erweisen,  und  da  das 
arme  kleine  Königskindchen  so  schrie,  daß  es  beinahe 
Krämpfe  bekam,  nahm  sie  die  Königin  rasch  und  stellte 
sie  neben  ihre  brüllende  Tochter  auf  den  Tisch. 

Die  Königin  setzte  sich  keuchend  nieder.  Die 
rasche  Reise  durch  die  Luft  hatte  ihr  den  Atem 
genommen   und   minutenlang  konnte   sie   nichts   tun, 

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als  die  kleine  Lily  schweigend  ans  Herz  drüdten.  Als 
sie  wieder  ein  wenig  Luft  hatte,  rief  sie  zum  weißen 
König  hinüber,  der  verdrossen  in  der  Asche  saß: 
„Nimm  dich  vor  dem  Vulkan  in  achtl" 

„Vor  welchem  Vulkan?"  sagte  der  König  und 
schaute  ängstlich  ins  Feuer,  als  ob  dort  der  beste 
Platz  wäre,  einen  Vulkan  zu  finden. 

„Hat  —  mich  —  heraufgeblasen,"  keuchte  die 
Königin.  „Schau,  daß  du  auf  eine  natürliche  Weise 
heraufkommst!  Laß  dich  nicht  heraufblasen!"  Alice 
beobachtete  den  weißen  König,  wie  er  langsam  sich 
von  Gitterstange  zu  Gitterstange  emporarbeitete,  und 
sagte  endlich:  „Auf  diese  Weise  werden  Sie  viele 
Stunden  brauchen,  um  auf  den  Tisch  zu  kommen.  Es 
ist  doch  viel  besser,  wenn  ich  Ihnen  helfe,  nicht?" 
Aber  der  König  nahm  keine  Notiz  von  der  Frage. 
Es  war  ganz  klar,  daß  er  sie  weder  hören  noch 
sehen  konnte. 

Alice  nahm  ihn  also  sehr  sanft  auf  und  hob  ihn 
langsamer  hinüber  als  die  Königin,  um  ihn  nicht 
außer  Atem  zu  bringen;  aber  bevor  sie  ihn  auf  den 
Tisch  hinstellte,  hielt  sie  es  für  besser,  ihn  ein  wenig 
abzustauben,  denn   er  war  ganz  mit  Asche  bestreut, 

Sie  hat  später  erzählt,  sie  hätte  nie  in  ihrem  Leben 
ein  solches  Gesicht  gesehen,  wie  es  der  König 
machte,  als  er  sich  von  einer  unsichtbaren  Hand  in 
der  Luft  gehalten  und  abgestaubt  fühlte.  Er  war  viel 
zu  überrascht,  um  zu  schreien,  aber  seine  Augen 
und  sein  Mund  öffneten  sich  immer  weiter  und  runder, 
bis  Alice  sich  vor  Lachen  so  schüttelte,  daß  er  ihr 
beinahe  aus  der  Hand  gefallen  wäre. 

„Oh,  bitte,  schneiden  Sie  keine  solchen  Gesichter, 
lieber  König!"  rief  sie  aus  und  vergaß  ganz,  daß  der 
König  sie  nicht  hören  konnte.  „Sie  bringen  mich  so 
zum   Lachen,   daß   ich   Sie   kaum   halten   kann!    und 

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machen  Sie  Ihren  Mund  nicht  gar  so  weit  auf!  die 
ganze  Asche  wird  hineinkommen  —  so,  jetzt  sind  Sie 
rein,  glaube  ich."  Sie  fuhr  ihm  noch  übers  Haar 
und  setzte  ihn  neben  die  Königin  auf  den  Tisch. 

Der  König  fiel  sofort  flach  auf  den  Rüdcen  und 
lag  vollkommen  still.  Alice  war  ein  bißchen  beunruhigt 
sie  ging  durch  das  Zimmer  und  suchte  Wasser,  um  ihn 
anzuspritzen,  fand  aber  nichts  als  eine  Flasche  Tinte. 
Als  sie  damit  zurüddcam,  sah  sie,  daß  er  sich  erholt 
hatte  und  mit  der  Königin  im  entsetzten  Flüsterton 
sprach  —  so  leise,  daß  Alice  es  kaum  verstehen  konnte. 

Der  König  sagte:  „Ich  versichere  dich,  meine 
Liebe,  mir  wurde  kalt  bis  zu  den  Spitzen  meines 
BadcenbartesI" 

Worauf  die  Königin  erwiderte:  „Du  hast  ja  gar 
keinen  Badcenbart.** 

»Das  Entsetzen  dieses  Augenblidces",  fuhr  der 
König  fort,  „werde  ich  nie,  nie  vergessen!" 

„Oh  doch,  du  wirst  es  vergessen,"  sagte  die 
Königin,  „wenn  du  es  dir  nicht  notierst." 

Alice  beobachtete  mit  großem  Interesse,  wie  der 
König  ein  riesiges  Notizbuch  aus  der  Tasche  nahm 
und  anfing,  zu  schreiben.  Ein  plötzlicher  Einfall  kam 
ihr;  sie  faßte  das  Ende  des  Bleistiftes,  das  ihm  über 
die  Schulter  ragte,  und  fing  an,  für  ihn  zu  schreiben. 

Der  arme  König  schaute  verwirrt  und  unglüdclich 
drein  und  kämpfte  einige  Zeit  schweigend  mit  dem 
Bleistift,  aber  Alice  war  zu  stark  für  ihn  und  schließlich 
keuchte  er  hervor:  „Meine  Liebe,  ich  muß  wirklich 
einen  dünneren  Bleistift  nehmen;  mit  diesem  komme 
ich  nicht  vorwärts,  er  schreibt  alle  möglichen  Sachen, 
die  ich  gar  nicht  schreiben  will  — * 

„Was  für  Sachen?"  Die  Königin  schaute  das  Buch 
an  (in  das  Alice  hineingeschrieben  hatte:  Der  weiße 
Ritter   rutscht  den  Schürhaken   herunter;    er   klettert 

15 


sehr  schlecht)  „Das  ist  keine  Notiz  über  deine 
Oefühle!"  sagte  sie. 

Auf  dem  Tisch  sah  Alice  ein  Buch  liegen,  und 
während  sie  den  weißen  König  beobachtete  (denn 
sie  war  noch  immer  in  Sorge  um  ihn  und  hielt  die 
Tinte  bereit,  um  ihn  damit  anzuspritzen,  sofern  er 
wieder  in  Ohnmacht  fallen  sollte),  blätterte  sie  darin 
und  hoffte,  etwas  zum  Lesen  zu  finden.  „Das  ist  eine 
Sprache,  die  ich  nicht  kenne,"  sagte  sie  zu  sich  selbst. 

Dort  stand  folgendes: 

.5bowi9ddß( 

nsvoT  (\s:Ani\f\os  sib  bnu  gidüid  ißw  a* 

rnseßS  nsb  mu  nshsiarloa  bnu  nsldußg 

nsvogoioa  9ib  nsißw  ßiemim  snßO 

.n98ßn  n9df651  n9bmoit  9ib  bnu 

Eine  Zeit  lang  grübelte  sie  darüber  nach,  aber 
plötzlich  kam  ihr  eine  Eingebung.  „Es  ist  ja  ein 
Spiegelbuch,  natürlich!  Wenn  ich  es  vor  den  Spiegel 
halte,  werden   die  Worte  alle  richtig  zu  lesen  sein." 

Das  Gedicht,  das  sie  nun  las,  lautete  so: 

Jabberwodi. 
's  war  brühig  und  die  schlinken  Toven 
gaubten  und  scheierten  um  den  Sasen: 
Ganz  mimsig  waren  die  Borogoven 
und  die  fromden  Rathen  nasen. 

„Hut  dich  vorm  Jabberwock,  mein  Sohn! 
Die  Kiefern,  die  beißen,  die  Klauen,  die  fangen! 
Lauf  vor  dem  Jubjubvogel  davon 
und  den  frumiosen  Banderschlangen!* 

Er  nahm  sein  worples  Schwert  zur  Hand 
und  suchte  lang  den  mangsen  Feind  — 
Beim  Tumtumbaum  er  schweigend  stand, 
mit  den  Gedanken  tief  vereint. 

16 


Und  als  er  aufwärts  denkend  stand, 
kam  Jabberwodi  mit  Flammenaugen 
wipfend  hindurch  die  Tulgeiwand 
leis  büchernd  angesaugen. 

Eins  zwei,  eins  zwei!  Und  durch  und  durch 
der  worple  Stahl  ging  schnadcerschnidtl 
Er  ließ  es  tot,  und  flink  und  hurch 
galumpte  er  zurüde. 

„Und  schlugst  du  tot  den  Jabberwodc, 
in  meine  Arme,  Leuchterbubell 
Freudiger  Tagl  Kailoh!  Kallodt!" 
Er  schudeelte  in  seinem  Jubel! 

„Das  scheint  sehr  hübsch  zu  sein,"  sagte  sie,  als  sie  es 
zu  Ende  gelesen  hatte,  „  aber  es  ist  ziemlich  schwer  zu  ver- 
stehen." (Sie  wollte  nämlich  nicht  gerne  zugeben,  nicht 
einmal  vor  sich  selbst,  daß  sie  gar  nichts  davon  verstand.) 
„  Ich  fühle  in  meinem  Kopf  allerlei  Vorstellungen,  ich  weiß 
nur  nicht  genau,  was  sie  bedeuten!  Jedenfalls  ist  soviel 
klar  irgendjemand  hat  irgendjemanden  getötet." 

Alice  sprang  plötzlich  auf.  „Wenn  ich  mich  nicht 
beeile,  werde  ich  durch  den  Spiegel  zurüdcgehen 
müssen,  bevor  ich  gesehen  habe,  wie  das  übrige 
Haus  aussieht!  Ich  möchte  zuerst  den  Garten  sehen!" 
Sie  war  im  Nu  aus  dem  Zimmer  und  lief  die  Süege 
hinunter  —  oder  eigentlich,  sie  lief  nicht,  sondern 
kam  auf  eine  neue  Art  rasch  und  leicht  hinunter;  sie 
hielt  nur  ihre  Fingerspitzen  an  das  Stiegengeländer 
und  schwebte  sanft  abwärts,  ohne  die  Stufen  auch 
nur  mit  den  Füßen  zu  berühren.  Dann  schwebte  sie 
weiter  durch  die  Halle  und  würde  auf  die  selbe  Art 
zur  Tür  hinausgekommen  sein,  wenn  sie  sich  nicht 
am  Türpfosten  angehalten  hätte.  Sie  war  ein  bißchen 
schwindlig  von  diesem  Schweben  durch  die  Luft  und 
freute  sich,    wieder   auf   normale  Weise    zu   gehen. 

17 


II.  Kapitel. 

Der  Garten  der  lebenden  Blumen. 


„Ich  könnte  den  Garten  viel  besser  sehen,"  sagte 
Alice  zu  sich,  „wenn  ich  auf  die  Spitze  dieses  Hügels 
ginge:  Da  ist  ein  Weg,  der  gerade  hinführt  —  das 
heißt,  er  führt  nicht  hin  — ."  (Nachdem  sie  den  Pfad 
einige  Meter  weit  gegangen  war,  fand  sie,  daß  er 
sehr  starke  Windungen  machte.)  „Aber  zum  Schluß 
wird  er  doch  hinführen,  glaube  ich.  Wie  komisch  er 
sich  windet I  Das  ist  ja  mehr  ein  Schraubenzieher 
als  ein  Weg!  Diese  Windung  hier  muß  auf  den 
Hügel  führen  —  nein,  wieder  nicht,  die  führt  gerade- 
wegs zum  Haus  zurüde!  Gut,  dann  will  ich  es  um- 
gekehrt probieren." 

Das  tat  sie  auch;  auf  und  nieder  wanderte  sie 
und  Windung  um  Windung  versuchte  sie,  aber  immer 
wieder  kam  sie  zum  Hause  zurück.  Einmal,  als 
sie  in  eine  Windung  rascher  als  gewöhnlich  einbog, 
rannte  sie  gegen  das  Haus  an,  ehe  sie  einhalten 
konnte. 

„Ich  lasse  mich  nun  einmal  nicht  zwingen!"  sagte 
Alice  und  schaute  das  Haus  an,  wie  um  ihm  zuzu- 
reden. „Ich  will  jetzt  noch  nicht  hineingehen.  Ich 
weiß,  daß  ich  wieder  durch  den  Spiegel  zurüd^gehen 
müßte  —  in  das  alte  Zimmer  —  und  da  hätten  alle 
meine  Abenteuer  ein  Ende."  Sie  wandte  also  dem 
Haus  den  Rüdeen  und  betrat  den  Weg  noch  einmal, 
entschlossen,  solange  vorwärts  zu  gehen,  bis  sie 
hinaufkäme.  Eine  Weile  ging  alles  gut  und  sie 
sagte  gerade:  „Diesmal  werde  ich  es  wirklich  er- 
reichen" —  da  drehte  sich  der  Weg  plötzlich  und 
schüttelte  sich.  (So  hat  sie  es  nachher  beschrieben.) 

18 


Im  nächsten  Augenblick  merkte  sie,  daß  sie  tatsächlich 
zur  Haustür  hineinging. 

„Das  ist  doch  zu  dumm,"  rief  sie,  „ein  Haus,  das 
einem  so  in  den  Weg  läuft,  ist  mir  noch  nicht  vor- 
gekommen!" 

Der  Hügel  stand  ihr  gerade  gegenüber;  so  konnte 
sie  nichts  tun,  als  wieder  auf  ihn  zugehen.  Diesmal 
kam  sie  an  ein  großes  Blumenbeet  mit  einer  Ein- 
fassung von  Gänseblümchen  und  einem  Weidenbaum 
in  der  Mitte. 

„O  TigerUlie,"  sagte  Alice  zu  einer  Blüte,  die 
sich  graziös  nach  allen  Seiten  verneigte,  „wenn  du 
doch  nur  sprechen  könntest I" 

„Ich  kann  sprechen,"  sagte  die  Tigerlilie,  „aber 
nur  zu  jemandem,  der  der  Rede  wert  ist." 

Alice  war  so  erstaunt,  daß  sie  eine  Minute  lang 
selbst  nicht  reden  konnte.  Es  verschlug  ihr  den  Atem. 
Endlich  fragte  sie  ängstlich,  beinahe  flüsternd:  „Können 
alle  Blumen  sprechen?" 

„So  gut  wie  du,"  sagte  die  Tigerlilie,  „nur  viel 
lauter." 

„Es  schidct  sich  nicht,  daß  wir  anfangen,  weißt 
du,"  sagte  die  Rose,  „und  ich  war  schon  sehr  begierig, 
wann  du  uns  endHch  einmal  anreden  würdest.  Ich 
sagte  mir:  „Ihr  Gesicht  zeigt  Spuren  von  Vernunft, 
obwohl  es  nicht  gerade  besonders  gescheit  aussieht! 
Immerhin  hat  sie  die  richtige  Farbe  und  das  macht 
viel  aus." 

„Mir  ist  die  Farbe  gleichgülüg,"  bemerkte  die 
Tigerlilie.  „Wenn  nur  ihre  Blätter  ein  bißchen  mehr 
gekräuselt  wären,   dann  wäre   sie   ganz  in  Ordnung." 

Alice  ließ  sich  nicht  gern  kritisieren,  also  fing 
sie  an,  Fragen  zu  stellen.  „Fürchtet  Ihr  Euch  nicht 
manchmal,  wenn  Ihr  da  draußen  eingepflanzt  seid 
und  niemanden  habt,   der  auf  Euch  achtgibt?" 

2-  19 


„Wir  haben  doch  den  Baum  in  der  Mitte!"  sagte 
die  Rose.  „Wozu  wäre  der  sonst  da?  Er  weidet  uns 
wie  der  Hirt  seine  Herde;  deshalb  heißt  er, Weide'." 

„Aber  was  könnte  denn  der  Baum  tun,  wenn  Ihr 
in  Gefahr  wäret?"  fragte  Alice. 

„Er  könnte  trauern,"  sagte  die  Rose. 

„Es  ist  doch  eine  Trauerweide!"  rief  ein  Gänse- 
blümchen. „Siehst  du  denn  das  nicht?" 

„Hast  du  das  nicht  gewußt?"  schrie  ein  anderes 
Gänseblümchen,  und  sie  fingen  alle  an,  zugleich  durch- 
einander zu  schreien,  bis  die  Luft  ganz  erfüllt  schien 
von  kleinen  schrillen  Stimmen. 

„Still  da,  Ihr  alle!"  rief  die  Tigerlilie,  neigte  sich 
heftig  von  einer  Seite  auf  die  andere  und  zitterte  vor 
Aufregung.  „Sie  wissen,  daß  ich  sie  nicht  erwischen 
kann,"  keuchte  sie  und  neigte  ihr  bebendes  Haupt 
gegen  Alice;  „oder  sie  würden  sich  das  nicht  unter- 
stehen!" 

„Mach  dir  nichts  draus!"  sagte  Alice  tröstend  und 
beugte  sich  zu  den  Gänseblümchen  nieder,  die  gerade 
wieder  anfingen  zu  schreien.  Sie  flüsterte :  „Wenn  Ihr 
nicht  still  seid,  dann  pflüd^e  ich  Euch!" 

Sie  waren  augenblicklich  still  und  einige  von  den 
rosa  Gänseblümchen  erblaßten. 

„So  ists  recht!"  sagte  die  Tigerlilie.  „Die  Gänse- 
blümchen sind  die  allerschlimmsten ;  wenn  eines 
spricht,  fangen  sie  alle  zugleich  an  zu  schnattern.  Es 
bringt  einen  ordentlich  zur  Raserei,  wenn  man  das 
mit  anhören  muß." 

„Wie  kommt  es  nur,  daß  ihr  alle  so  hübsch 
sprechen  könnt?"  fragte  Alice;  sie  hoffte,  sie 
durch  ein  Kompliment  in  bessere  Laune  zu  bringen. 
„Ich  bin  schon  in  vielen  Gärten  gewesen,  aber 
niemals  haben  die  Blumen  sprechen  können." 

20 


„In  anderen  Gärten  sind  so  viele  Beete,"  erklärte 
die  Tigerlilie,  „daß  die  Blumen  vor  lauter  Beten  nicht 
Zeit  haben,  zu  sprechen." 

Das  schien  ein  ausreichender  Grund  zu  sein  und 
Alice  freute  sich,  es  zu  erfahren.  „Daran  habe  ich 
nie  vorher  gedacht",  sagte  sie. 

„Meiner  Meinung  nach  denkst  du  überhaupt  nie- 
mals", sagte  die  Rose  streng. 

„Ich  habe  niemals  jemanden  gesehen,  der  dümmer 
aussieht,"  sagte  ein  Veilchen  so  plötzlich,  daß  Alice 
erschreckt  zusammenfuhr.  Es  hatte  vorher  noch  nicht 
gesprochen. 

„Du  halte  den  Mund!"  rief  die  Tigerlilie,  „als  ob 
du  jemals  jemanden  sehen  würdest!  Du  steckst  den 
Kopf  unter  deine  Blätter  und  wächst  da  unten  fort; 
du  weißt  nicht  mehr  von  dem,  was  in  der  Welt  vor- 
geht, als  wenn  du  eine  Knospe  wärst." 

„Gibt  es  vielleicht  noch  Menschen  im  Garten  außer 
mir?"  fragte  Alice,  ohne  die  letzte  Bemerkung  der 
Rose  zu  beachten. 

„Es  gibt  noch  eine  Blume  außer  dir  im  Garten, 
die  herumgehen  kann,  wie  du,"  sagte  die  Rose.  „Ich 
möchte  gerne  wissen,  wie  du  das  machst.  —  („Du 
möchtest  immer  gerne  etwas  wissen",  sagte  die  Tiger- 
lilie.) „Aber  sie  ist  viel  buschiger  als  du." 

„Sieht  sie  mir  ähnlich?"  fragte  Alice  eifrig,  denn 
es  fiel  ihr  ein,  daß  irgendwo  im  Garten  noch  ein 
kleines  Mädchen  sein  könnte. 

„Ja,  sie  hat  dieselbe  ungeschickte  Form  wie  du," 
sagte  die  Rose. 

„Aber  sie  ist  dunkler  —  und  ihre  Blätter  sind 
kürzer,  glaube  ich." 

„Sie  sind  dicht  beieinander,  wie  bei  einer  Georgine," 
sagte  die  Tigerlilie.  „Nicht  so  durcheinander  ge- 
wirbelt, wie  bei  dir." 

21 


„Aber  da  kannst  du  nichts  dafür,"  setzte  die  Rose 
freundlich  hinzu.  „Du  fängst  schon  an  zu  welken, 
weißt  du  —  und  da  kommen  die  Blätter  leicht  ein 
bißchen  in  Unordnung." 

Alice  gefiel  diese  Vorstellung  nicht;  so  fragte  sie, 
um  den  Gegenstand  zu  wechseln:  „Kommt  sie  jemals 
hier  heraus?" 

„Ich  glaube,  du  wirst  sie  bald  sehen,"  sagte  die 
Rose.  „Sie  ist  eine  von  denen,  die  neun  Zacken  hat, 
weißt  du?" 

„Wo  trägt  sie  sie  denn?"   fragte  Alice  neugierig. 

„Natürlich  um  den  Kopf  herum,"  antwortete  die  Rose. 

„Ich  wundere  mich,  daß  du  nicht  auch  welche  hast. 
Ich  habe  geglaubt,  daß  das  bei  euch  Regel  ist." 

„Sie  kommt!"  rief  der  Rittersporn.  „Ich  höre  ihren 
Tritt,  tripp,  trapp  auf  dem  Kies!" 

Alice  schaute  neugierig  herum  und  sah,  daß  es 
die  schwarze  Königin  war.  „Sie  ist  sehr  gewachsen!" 
bemerkte  sie  vor  allem.  In  der  Asche  war  sie  nur 
drei  Zoll  hoch  gewesen  und  jetzt  war  sie  einen  halben 
Kopf  größer  als  Alice. 

„Das  kommt  von  der  frischen  Luft,"  sagte  die  Rose. 
„Die  Luft  ist  hier  wundervoll." 

„Ich  glaube,  ich  muß  ihr  entgegengehen,"  sagte 
Alice.  Denn  obwohl  die  Blumen  sehr  interessant  waren, 
fühlte  sie,  daß  es  doch  noch  etwas  ganz  anderes  sein 
würde,  mit  einer  wirklichen  Königin  zu  sprechen. 

„Das  kannst  du  nicht,"  sagte  die  Rose.  „Ich  würde 
dir  raten,  in  der  umgekehrten  Richtung  zu  gehen." 

Das  schien  AHce  Unsinn.  Darum  antwortete  sie 
nichts  und  ging  der  schwarzen  Königin  entgegen.  Zu  ihrer 
Überraschung  verlor  sie  sie  sogleich  aus  dem  Gesicht 
und  marschierte  wieder  bei  der  Eingangstür  herein. 

Ärgerlich  ging  sie  zurück  und  nachdem  sie  die 
Königin   überall   gesucht   hatte    (sie  sah   sie   endlich 

22 


in  weiter  Entfernung),  wollte  sie  es  anders  probieren 
und  diesmal  in  der  entgegengesetzten  Riditung 
gehen. 

Das  gelang  auch  vorzüglich.  Sie  war  noch  keine 
Minute  gegangen,  so  befand  sie  sich  schon  der 
schwarzen  Königin  gegenüber  und  hatte  den  Hügel, 
dem  sie  so  lange  vergebens  zugestrebt  hatte,  gerade 
vor  sidi. 

„Von  wo  kommst  du?"  fragte  die  schwarze  Königin. 
„Und  wohin  gehst  du?  Kopf  in  die  Höhe,  spridi 
deutlidi  und  spiel  nicht  fortwährend  mit  deinen 
Fingern!" 

Alice  folgte  allen  diesen  Vorschriften  und  erklärte, 
so  gut  sie  konnte,  daß  sie  ihren  Weg  verloren 
habe. 

„Ich  weiß  nicht,  was  du  meinst,  wenn  du  sagst, 
deinen  Weg,"  sagte  die  Königin.  „Alle  diese  W^ege 
gehören  mir.  —  Aber  warum  bist  du  überhaupt  hier 
herausgekommen?"  fügte  sie  in  freundlicherem  Tone 
hinzu.  „Knidjse,  während  du  darüber  nachdenkst,  was 
du  sagen  willst;  das  erspart  Zeit." 

Alice  wunderte  sidi,  aber  sie  hatte  zu  großen 
Respekt  vor  der  Königin,  um  ihre  Worte  anzuzweifeln. 
Idi  will  das  nädistens  zuhause  probieren,  dadite 
sie  bei  sich,  wenn  idi  zu  spät  zu  Tisdi  komme. 

„Jetzt  ist  es  Zeit  zu  antworten,"  sagte  die  Königin 
und  sdiaute  auf  die  Uhr.  „Mach  deinen  Mund  ein 
bißchen  weiter  auf,  wenn  du  sprichst,  und  sag  immer: 
,Eure  Majestät'." 

„Ich  wollte  mir  nur  den  Garten  ansehen.  Eure 
Majestät." 

„Das  ist  redit,"  sagte  die  Königin  und  tätsdielte 
sie  am  Kopf,  was  Alice  durdiaus  nic^t  angenehm  war, 
„Allerdings  —  weil  du  ,Garten'  sagst  —  ich  habe  Gärten 
gesehen,  mit  denen  verglidien  dieser  eine  Wildnis  ist." 

23 


Alice  wagte  nicht  zu  widersprechen,  sondern  fuhr 
fort:  „ —  Und  ich  hoffte  den  Weg  auf  den  Gipfel 
jenes  Hügels  zu  finden." 

„Weil  du  ,Hügel*  sagst,"  unterbrach  die  Königin; 
„ich  könnte  dir  Hügel  zeigen,  mit  denen  verglichen 
du  diesen  ein  Tal  nennen  würdest." 

„Oh  nein,  das  würde  ich  nicht  tun,"  sagte  Alice. 
„Ein  Hügel  kann  kein  Tal  sein,  das  wäre  ein  Unsinn." 

Die  schwarze  Königin  schüttelte  den  Kopf.  „Du 
kannst  es  Unsinn  nennen,  wenn  du  willst,"  sagte  sie. 
„Aber  idi  habe  schon  Unsinn  gehört,  mit  dem  ver- 
glichen dieser  so  vernünftig  ist  wie  ein  Lexikon." 

Alice  knickste  wieder,  denn  sie  fürchtete  nach  dem 
Ton,  in  dem  die  Königin  sprach,  daß  sie  ein  klein 
wenig  beleidigt  sei.  Sie  gingen  schweigend  weiter, 
bis  sie  auf  den  Gipfel  des  kleinen  Hügels  kamen. 

Minutenlang  stand  Alice  sprachlos  und  schaute  nach 
allen  Richtungen  über  das  Land  hin.  Es  war  ein  höciist 
sonderbares  Land.  Eine  Menge  winzig  kleiner  Bäche 
liefen  mitten  durch,  und  der  Boden  dazwischen  war 
durch  viele  kleine  grüne  Hecken,  die  von  Bach  zu 
Bach  reichten,  in  Quadrate  abgeteilt. 

„Das  ist  ja  gerade  so  gezeichnet,  wie  ein  großes 
Schachbrett,"  sagte  Alice  endlich.  „Irgendwo  sollten 
Leute  herumgehen  —  aber  da  gehen  sie  jal"  fügte 
sie  entzückt  hinzu,  und  ihr  Herz  fing  an,  schneller  zu 
schlagen,  während  sie  fortfuhr:  „Es  wird  gerade  eine 
riesige  Schachpartie  gespielt  —  über  die  ganze  Welt 
hin,  wenn  das  hier  die  Welt  ist.  Oh,  wie  lustig!  Wenn 
ich  nur  mitspielen  könnte !  Es  würde  mir  nichts  daran 
liegen,  nur  ein  Bauer  zu  sein,  wenn  ich  mitspielen 
dürfte,  —  obwohl  ich  natürlich  am  liebsten  eine  Königin 
sein  würde." 

Hier  schaute  sie  die  wirkliche  Königin  ängstlich  an ; 
aber  diese  lächelte  nur  freundlich  und  sagte:   „Das 

24 


ist  leicht  getan.  Du  kannst  der  Bauer  der  weißen 
Königin  sein,  wenn  du  willst,  denn  Lily  ist  zu  jung, 
um  mitzuspielen.  Zuerst  stehst  du  in  der  zweiten 
Reihe,  wenn  du  aber  in  die  achte  Reihe  kommst, 
dann  wirst  du  eine  Königin."  In  diesem  Augenblick 
begannen  sie  zu  laufen. 

Alice  konnte,  wenn  sie  später  darüber  nach- 
dachte, niemals  herausbringen,  wie  sie  zu  laufen  an- 
fingen; sie  erinnerte  sidi  nur,  daß  sie  Hand  in  Hand 
liefen  und  daß  die  Königin  so  schnell  rannte,  daß 
Alice  kaum  mit  ihr  Sdiritt  halten  konnte;  und  immer 
noch  rief  die  Königin:  „Schneller,  schneller!"  Aber 
Alice  fühlte,  daß  sie  nicht  schneller  laufen  konnte, 
obwohl  sie  nidit  genug  Atem  hatte,  um  es  ihr  zu 
sagen. 

Das  Sonderbarste  daran  war,  daß  die  Bäume  und 
die  anderen  Gegenstände  um  sie  herum  ihre  Plätze 
niemals  veränderten.  So  sdinell  Alice  und  die  Königin 
auch  liefen,  sie  schienen  niemals  an  etwas  vorbei- 
zulaufen. 

Ob  sidi  die  Dinge  alle  mit  uns  bewegen? 
dadite  die  arme  Alice  verwirrt.  Die  Königin  schien 
ihre  Gedanken  zu  erraten,  denn  sie  rief:  „Sdmeller, 
nicht  reden!" 

Alice  dadite  nidit  im  Entferntesten  daran,  zu  reden. 
Es  war  ihr,  als  würde  sie  niemals  mehr  imstande  sein, 
zu  sprechen,  so  atemlos  war  sie.  Und  immer  noch 
schrie  die  Königin:  „Sdineller,  schneller!"  und  schleppte 
sie  weiter. 

„Sind  wir  endlich  da?"  konnte  Alice  gerade  noch 
hervorkeudien. 

„Endlidi  da?"  wiederholte  die  Königin.  „Wir  sind 
sdion  zehn  Minuten  vorüber!  Schneller!"  Und  sie  Hefen 
eineZeitlang schweigend,  während  derWindAlice  um  die 
Ohren  pfiff  und  ihr  beinahe  das  Haar  vom  Kopfe  blies. 

25 


„Also,  also!"  rief  die  Königin,  „schneller,  schneller I" 
und  sie  liefen  so  schnell,  daß  sie  zuletzt  durch  die 
Luft  zu  fliegen  schienen,  ohne  den  Boden  mit  den 
Füßen  zu  berühren,  bis  sie  plötzlich,  als  Alice  ganz 
erschöpft  war,  stehen  blieben.  Atemlos  und  sdiwindlig 
saß  sie  auf  dem  Boden. 

Die  Königin  lehnte  sie  gegen  einen  Baum  und  sagte 
freundlich:    „Jetzt  kannst  du   ein  bißchen  ausruhen." 

Alice  schaute  in  großer  Überrasdiung  herum.  „Ich 
glaube  wahrhaftig,  wir  sind  die  ganze  Zeit  unter  diesem 
Baum  geblieben;  alles  ist  genau  so  wie  es  war!" 

„Natürlich",  sagte  die  Königin,  „wie  denn  sonst?" 

„In  unserem  Lande",  sagte  Alice,  nodi  immer 
keuchend,  „würde  man,  wenn  man  so  lange  und  so 
schnell  liefe,  wie  wir  jetzt  gelaufen  sind,  irgendwo 
anders  hinkommen." 

„Das  muß  ein  sehr  langsames  Land  sein,"  sagte 
die  Königin,  „hier  mußt  du  laufen,  so  sdmell  du  kannst, 
um  nur  auf  demselben  Platz  zu  bleiben.  Wenn  du 
irgendwo  anders  hinkommen  willst,  mußt  du  mindestens 
doppelt  so  schnell  laufen  .  .  ." 

„Ich  möchte  das  lieber  nidit  versuchen,  bitte!"  sagte 
Alice.  „Ich  bin  ganz  zufrieden,  hier  zu  bleiben,  nur  ist 
mir  sehr  heiß  und  ich  bin  furchtbar  durstig!" 

„Ich  weiß,  was  du  jetzt  gern  hättest,"  sagte  die 
Königin  und  nahm  eine  kleine  Schachtel  aus  ihrer 
Tasche.  „Nimm  einen  Zwiebäcke." 

Alice  hielt  es  nicht  für  artig,  abzulehnen,  obwohl  sie 
etwas  ganz  anderes  gerne  gehabt  hätte.  So  nahm  sie  den 
Zwieback  und  aß  ihn,  so  gut  sie  konnte.  Er  war  entsetzlich 
trocicen,  und  sie  hatte  nie  im  Leben  so  einen  Durst  gehabt. 

„Während  du  dich  erfrischst,"  sagte  die  Königin, 
„werde  ich  messen." 

Sie  nahm  ein  Band  aus  der  Tasche,  das  mit  Zoll- 
strichen   bezeichnet    war,   und    fing    an,    den    Boden 

26 


auszumessen  und  hie  und  da  kleine  Pflödce  hineinzu- 
stecken. „Am  Ende  des  zweiten  Meters,"  sagte  sie 
und  stedcte  einen  Pflodc  in  die  Erde,  um  die  Ent- 
fernung zu  bezeichnen,  „werde  idi  dir  die  Verhaltungs- 
maßregeln geben.  Willst   du   nodi   einen  Zwieback?" 

„Nein,  danke,"  sagte  Alice,  „idk  habe  ganz  genug!" 

„Dein  Durst  ist  hoffentlich  gelöscht,"  sagte  die 
Königin.  Alice  wußte  nidit,  was  sie  dazu  sagen  sollte. 
Aber  glücklidierweise  erwartete  die  Königin  auch  keine 
Antwort,  sondern  sprach  weiter:  „Am  Ende  des  dritten 
Meters  werde  ich  sie  wiederholen,  damit  du  sie  nidit 
vergißt.  Am  Ende  des  vierten  Meters  werde  idi  dir  Lebe- 
wohl sagen,  am  Ende  des  fünften  werde  ich  fortgehen." 

Sie  hatte  jetzt  alle  Pflöcke  in  die  Erde  gesteckt,  und 
Alice  schaute  mit  großem  Interesse  zu,  wie  sie  zum 
Baum  zurückging  und  dann  den  Weg  langsam  hinunter- 
marschierte. Beim  Pflodc  Nummer  zwei  wandte  sie 
sich  um  und  sagte:  „Ein  Bauer  geht  zwei  Felder  bei 
seinem  ersten  Zug,  wie  du  weißt.  Du  wirst  also  sehr  rasdi 
durch  das  dritte  Feld  gehen  —  am  besten  mit  Eisen- 
bahn —  und  du  wirst  dich  bald  im  vierten  Felde  befinden. 
Nun,  dieses  Feld  gehört  Dideldum  und  Dideldei.  — 
Das  fünfte  ist  hauptsächlich  Wasser  —  das  sechste 
gehört  Plumpsti  Bumsti.  Aber  du  sagst  ja  gar  nichts?" 

„Ich  wußte  nicht,  daß  ich  etwas  hätte  sagen  sollen," 
stotterte  Alice. 

„Du  hättest  sagen  sollen:  ,Es  ist  außerordentlich 
freundlich  von  Ihnen,  daß  Sie  mir  all  das  erklären'," 
sagte  die  Königin  vorwurfsvoll.  „Aber  wir  wollen  an- 
nehmen, daß  du  es  gesagt  hättest.  —  Das  siebente 
Feld  ist  lauter  Wald  —  aber  einer  der  Ritter  wird 
dir  den  Weg  hindurch  zeigen.  —  Und  im  achten  Feld 
werden  wir  zusammen  Königinnen  sein;  es  besteht 
aus  lauter  Festen  und  Spaßen  I" 

Alice  stand  auf,  knici^ste   und   setzte  sich  wieder. 

27 


Beim  nächsten  Pflock  drehte  sich  die  Königin 
neuerlich  um,  und  diesmal  sagte  sie:  „Spridi  fran- 
zösisch, wenn  dir  etwas  auf  Deutsdi  nicht  einfällt. 
Wende  deine  Zehen  beim  Gehen  auswärts  —  und  ver- 
giß nicht,  wer  du  bisti"  Sie  wartete  diesmal  nicht  ab,  bis 
Alice  knickste,  sondern  ging  rasdi  zum  nächsten  Pflock, 
wo  sie  sich  für  einen  Augenblick  umdrehte,  um  Lebe- 
wohl zu  sagen.  Dann  eilte  sie  auf  den  letzten  Pflock  zu. 

Wie  es  zuging,  hat  Alice  niemals  begriffen,  aber 
gerade  als  sie  zum  letzten  Pflock  kam,  war  sie  ver- 
schwunden. Ob  sie  in  Luft  zerfloß  oder  ob  sie  rasdi  in 
den  Wald  lief  (und  sie  kann  sehr  sdinell  rennen,  dachte 
Alice)  war  nicht  zu  enträtseln.  Aber  fort  war  sie,  und 
Alice  fing  an,  sich  zu  erinnern,  daß  sie  jetzt  ein 
weißer  Bauer  war,  und  daß  es  für  sie  bald  an  der 
Zeit  sein  werde,  vorzugehen. 


28 


III.  Kapitel. 

Spiegelinsekten. 


Natürlidi  überschaute  sie  vor  allem  das  Land,  das  sie 
durdisdireiten  sollte. 

Das  ist  beinahe  wie  eine  Geographiestunde, 
dachte  Alice  und  stellte  sich  auf  die  Zehenspitzen, 
um  ein  wenig  weiter  zu  sehen.  Hauptflüsse  —  gibt 
es  nicht.  Hauptgebirge  —  ich  stehe  auf  dem  einzigen, 
aber  es  hat  wahrscheinlich  keinen  Namen.  Hauptstadt 

—  nein.  Was  sind  das  nur  für  Tiere,  die  dort  Honig 
sammeln?  Bienen  können  es  nicht  sein  —  niemand 
könnte  auf  eine  Meile  Distanz  Bienen  sehen.  Eine 
Zeitlang  stand  sie  schweigend  still  und  beobachtete 
eines  dieser  Tiere,  das  zwischen  den  Blumen  herum- 
flog und  seinen  Rüssel  hineinstedcte.  Gerade,  als 
ob  es  eine  richtige  Biene  wäre,  dadite  Alice. 

Es  war  aber  alles   eher  denn  eine  richtige  Biene, 

—  es  war  ein  Elefant,  wie  Alice  sehr  bald  entdeckte, 
obwohl  der  Gedanke  ihr  fast  den  Atem  verschlug. 
Und  was  das  für  riesige  Blumen  sein  müssen!  — 
war  ihr  nächster.  Wie  Häuser  ohne  Dächer,  auf 
Stengeln.  Was  für  Unmengen  Honig  die  sammeln 
müssen!  Icii  glaube,  ich  muß  hingehen  —  nein,  icii geh 
dodi  lieber  nicht  hin.  Sie  hatte  gerade  angefangen,  bergab 
zu  laufen,  und  hielt  ein ;  sie  suchte  nach  einer  Entschuldi- 
gung dafür,  daß  sie  plötzlicii  so  ängstlich  wurde.  „Ich 
kann  unmöglich  zu  ihnen  hingehen,  ohne  einen  Zweig 
mitzunehmen,  um  mir  sie  abzuwehren.  —  Wie  komisch 
das  nur  sein  wird,  wenn  man  mich  zu  Hause  fragt,  wie 
mir  der  Spaziergang  gefallen  hat.  Icii  werde  sagen :  ,Oh, 
ganz  gut,  nur  war  es  furciitbar  staubig  und  heiß,  und 
die  Elefanten  haben  so  um   midi  herumgeschwirrf !" 

29 


„Ich  denke,  idi  gehe  lieber  den  anderen  Weg 
hinunter,"  sagte  sie  nadi  einer  Pause.  „Ich  kann  ja  die 
Elefanten  vielleicht  später  besuchen.  Idi  möchte  so  gern 
sdion  ins  dritte  Feld  kommen I"  Das  war  eine  sehr 
gute  Ausrede.  —  So  lief  sie  über  den  Hügel  hinunter 
und  sprang  über  den  ersten  der  sechs  kleinen  Bäche. 

„Fahrkarten  bitte!''  sagte  der  Schaffner  und  steckte 
den  Kopf  zum  Fenster  herein.  Sogleich  hielten  alle  ihre 
Karten  hin.  Die  Karten  waren  ungefähr  ebenso  groß 
wie  die  Leute  und  schienen  den  Wagen  vollständig 
zu  füllen. 

„Nun  also!  Zeig  deine  Fahrkarte,  Kind!"  sagte 
der  Schaffner  wieder  und  schaute  Alice  ärgerlich  an; 
und  viele  Stimmen  sagten  zugleich  (wie  der  Chor  in 
einem  Lied,  dadite  Alice):  „Laß  ihn  nicht  warten, 
Kind!    Seine  Zeit  kostet  tausend  Taler  die  Minute!" 

„Ich  habe  leider  keine  Karte,"  sagte  Alice  ängstlich. 
„Es  gab  keinen  Fahrkartensdialter  dort,  wo  ich  her- 
komme." Und  wieder  fiel  der  Chor  der  Stimmen  ein: 
„  Es  war  kein  Platz  für  einen  Fahrkartenschalter  dort,  wo  sie 
herkommt.  Das  Land  dort  kostet  tausend  Taler  der  Zoll" 

Alice  dachte  bei  sidi:  Da  nützt  es  nichts,  zu  reden. 

Die  Stimmen  fielen  diesmal  nicht  ein,  denn  sie 
hatte  ja  nicht  gesprochen.  Aber  zu  ihrer  großen 
Überraschung  dachten  alle  im  Chor  (ich  hoffe,  du 
verstehst,  was  das  heißt:  im  Chor  denken  —  ich 
verstehe  es  nämlich  nidit):  Es  ist  besser,  nichts  zu 
sagen;  die  Sprache  kostet  tausend  Taler  das  Wort! 

Ich  werde  heute  nachts  von  tausend  Talern  träumen, 
das  weiß  ich  sicher!  dachte  Alice. 

Die  ganze  Zeit  schaute  der  Schaffner  sie  an,  zuerst 
durch  ein  Fernrohr,  dann  durch  ein  Mikroskop  und  dann 
durch  ein  Opernglas.  Endlidi  sagte  er:  „Dureisestin 
der  falschen  Riditung,"  schloß  das  Fenster  und  ging  weg. 

30 


„Ein  so  kleines  Mäddien/  sagte  der  Herr,  der 
ihr  gegenüber  saß  (er  war  in  weißes  Papier  gekleidet), 
„sollte  wissen,  in  welcher  Richtung  es  fährt,  sogar 
wenn  es  seinen  eigenen  Namen  noch  nidit  weiß." 

Ein  Ziegenbock,  der  neben  dem  Herrn  in  Weiß 
saß,  sdiloß  die  Augen  und  sagte  mit  lauter  Stimme: 
„Sie  sollte  die  Riditung  zum  Fahrkartenschalter  kennen, 
sogar,  wenn  sie  das  Alphabet  noch  nidit  kennt." 

Neben  dem  Ziegenbock  saß  ein  Käfer.  (Es  war 
da  eine  sehr  sonderbare  Reisegesellschaft  beisammen.) 
Da  es  die  Regel  zu  sein  schien,  daß  man  der  Reihe 
nach  redete,  setzte  er  fort:  „Sie  wird  als  Frachtgut 
von  hier  zurückgeschidct  werden  müssen!" 

Alice  konnte  nicht  sehen,  wer  neben  dem  Käfer 
saß,  aber  jetzt  sagte  eine  heisere  Stimme:  „Lokomotiv- 
wechsel!" Hiebet  überschlug  sich  die  Stimme  und 
mußte  aufhören. 

„Das  war  vielleicht  ein  Heizer,"  sagte  Alice  zu  sidi 
selbst  und  eine  außerordentlich  dünne  Stimme    sagte 

knapp     an    ihrem    Ohr:     „Daraus   könntest   du   einen  Wiiz  madien  — 
etv/as  von  heiser  und  Heizer." 

Dannsagte  eine  sehr  sanfteStimme  in  der  Ferne:  „Man 
muß  ihr  einen  Zettel  ankleben:  ,Mädchen,  nidit  stürzen'." 

Darauf  sagten  andere  Stimmen  (Wie  viele  Leute 
nur  in  diesem  Wagen  sitzen,  dadite  Alice.):  „Man 
muß  sie  per  Post  schidcen,  denn  sie  hat  einen  Brief- 
kopf." „Man  muß  sie  als  Telegramm  oder  durchs 
Telephon  schidcen."  „Sie  muß  von  hier  an  den  Zug 
selber  ziehen"  —  und  so  weiter. 

Aber  der  in  weißes  Papier  gekleidete  Herr  beugte 
sich  vor  und  flüsterte  ihr  ins  Ohr:  „Beachte  nicht, 
was  sie  sagen,  meine  Liebe,  sondern  nimm  eine  Rück- 
fahrkarte, so  oft  der  Zug  hält." 

„Das  werde  ich  nicht  tun!"  sagte  Alice  ungeduldig. 
„Idi  gehöre  überhaupt  nidit  hier  herein.  Ich  bin  gerade 

31 


in  einem  Wald  gewesen  —  und  idi  wollte,  idi  könnte 
dorthin  zurückgehen." 

„Da  könntest  du  einen  Witz  machen,"  Sagte  die  dÜnne  Stimme 
knapp   an  ihrem  Ohr.     „So  etwas,  wie :  du  wolltest,  wenn  du  könntest." 

„Du  kitzelst  mich  im  Ohr,"  sagte  Alice  und  schaute 
sich  vergeblidi  dorthin  um,  wo  die  Stimme  herkam. 
„Wenn  du  immer  willst,  daß  ein  Witz  gemacht  wird, 
warum  machst  du  ihn  nicht  selbst ?** 

Die  dünne  Stimme  seufzte  tief.  Sie  war  offenbar 
sehr  unglücklich ;  Alice  hätte  ihr  gerne  etwas  Tröstendes 
gesagt.  „Wenn  sie  nur  so  seufzen  würde,  wie  andere 
Leute,"  dachte  Alice;  aber  es  war  ein  so  außer- 
ordentlich dünner  Seufzer,  daß  es  sie  im  Ohr  sehr  stark 
kitzelte  und  sie  völlig  von  dem  Gedanken  an  die 
Traurigkeit  des  armen  kleinen  Wesens  ablenkte. 

„Ich  weiß,  du  bist  meine  Freundin,"  fuhr  die  düuue  Stimme  fort. 

„Eine  liebe  Freundin,  eine  alte  Freundin.  Du  wirst  mtr  nidit  weh  tun,  obgleidi  idi 
ein  Insekt  bin." 

„Was  für  ein  Insekt?"  fragte  Alice  etwas  beun- 
ruhigt. Sie  wollte  eigentlidi  nur  wissen,  ob  es  stechen 
könne  oder  nicht;  aber  sie  dadite,  es  sei  vielleicht 
nicht  schicklich,  das  zu  fragen. 

„Was,  hast  du  denn  nicht "  begann  die  düuuc  Stimme. 

Ein  schriller  Pfiff  der  Lokomotive  unterbrach  sie;  alle 
sprangen  erschrodcen  auf;  auch  Alice. 

Der  Heizer,  der  seinen  Kopf  zum  Fenster  hinaus- 
gesteckt hatte,  zog  ihn  ruhig  wieder  zurück  und  sagte: 
„Wir  haben  bloß  einen  Bach  zu  überspringen."  Alle 
schienen  beruhigt  zu  sein,  aber  Alice  war  doch  ängst- 
lich bei  dem  Gedanken,  daß  ein  Eisenbahnzug  springen 
sollte.  „Nun,  jedenfalls  wird  er  uns  in  das  vierte  Feld 
führen,  das  ist  immerhin  ein  Trost!"  sagte  sie  sidi.  Im 
nächsten  Augenblidt  fühlte  sie,  wie  der  Wagen  gerade- 
wegs in  die  Luft  stieg,  und  in  ihrem  Schreck  faßte  sie 
das,  was  ihren  Händen  am  nächsten  war,  und  das  war 
der  Bart  des  Ziegenbod^s.    —     —    —    —    —    — 

32 


Aber  der  Bart  schien  zu  sdimelzen,  als  sie  ihn  be- 
rührte, und  sie  saß  plötzlidi  ruhig  unter  einem  Baum, 
während  die  Gelse  (denn  das  war  das  Insekt,  mit 
dem  sie  gesprodien  hatte),  auf  einem  Zweig  über 
ihrem  Kopfe  schaukelte  und  Alice  mit  ihren  Flügeln 
Luft  zufächelte. 

Es  war  wirklich  eine  sehr  große  Gelse:  Ungefähr 
so  groß  wie  ein  Huhn,  dadite  Alice,  aber  sie  konnte 
sich  nidit  vor  ihr  fürchten,  nachdem  sie  so  lange  mit- 
einander geplaudert  hatten. 

.Hast  du  denn  nicht  alle  Insekten  gern?«    fuhf  diC  GclsC  foft,  SO 

ruhig,  als  wenn  nichts  gesdiehen  wäre. 

»Ich  habe  sie  gern,  wenn  sie  sprechen  können,* 
sagte  Alice.  „Dort  wo  ich  herkomme,  kann  keines 
sprechen." 

,An  weldiem  Insekt  hast  du  Freude,  dort  wo  du  herkommst?'   erkundigte 

sich  die  Gelse. 

„Ich  habe  überhaupt  keine  Freude  an  Insekten,* 
erklärte  Alice,  „weil  ich  midi  eigentlidi  vor  ihnen 
fürdite  —  wenigstens  vor  den  großen.  Aber  idi  kann 
dir  von  einigen  den  Namen  sagen." 

„Natürlich    hören    sie    auf   ihre    Namen?«      bemerkte     diC     GclsC 

leichthin. 

„Idi  glaube  nidit." 

«Was  nützt  es,  daß  sie  Namen  haben,"  Sagte  dlC  GclsC,  .wenn  sie 
nidit  auf  ihre  Namen  hören?' 

„Ihnen  nützt  es  nidits,"  sagte  Alice,  „aber  es  nützt 
wahrscheinlich  den  Leuten,  die  sie  benennen.  Warum 
würden  denn  sonst  die  Dinge  überhaupt  Namen  haben?* 

.Das  weiß  idi  nicht,'  antwortete  die  Gelse.  „Weiter  drüben,  in 
dem  Wald  dort,  haben  sie  keine  Namen.  —  Aber  fahre  nur  fort  mit  deiner  Liste 
-von  Insekten,  du  verlierst  Zeil." 

„Also  da  ist  die  Pferdebremse,"  begann  Alice  und 
zählte  die  Namen  an  den  Fingern  her. 

„Sehr gut,"  Sagtc  diC  Gelse.  „Auf  diesem  Busch  kannst  du  eine 
Schaukelpferdebremse  sehen.  Sie  ist  ganz  aus  Holz  und  bewegt  sidi  fort,  indem 
^ie  von  Zweig  zu  Zweig  sciiaukelt.' 

,  33 


„Wovon   lebt   sie?''    fragte  Alice   sehr  neugierig. 

„Von  Saft  und  Samen,"  Sagte  die  Gelse.    „Fahr  fort  mit  deiner  Liste.« 

Alice  sdiaute  die  Sdiaukelpferdebremse  mit  großem 
Interesse  an  und  stellte  fest,  sie  müsse  kürzlich  frisch 
lackiert  worden  sein,  weil  sie  so  glänzend  und  klebrig 
aussah. 

„Und  dann  die  Wespe,"  fuhr  Alice  fort. 

„Sdiau  auf  den  Zweig  über  deinem  Kopf,"  Sagtc  die  GelsC.  „Dort 
siehst  du  zwei  Wespennester.  Sic  sind  aus  weißem  Kuchenteig  und  innen  sind 
Mandeln  und  Rosinen." 

„Und  wovon  leben  sie?"  fragte  Alice  wie  vorher, 

„Von  Zucker  und  Mehl,"  autWOrtetC  die  GclsC.  .Sie  wohnen  am 
liebsten  in  der  Nähe  einer  Kaffeetasse." 

„Dann  gibt  es  nodi  den  Brotkäfer,"  fuhr  Alice 
fort,  nachdem  sie  die  Wespennester  mit  liebevollem 
Blick  betradrtet  hatte.  (Die  beißen  nicht,  in  die  würde 
icii  selber  gerne  hineinbeißen,  dachte  sie.) 

„Was  da  vor  deinen  Füßen  kriecht,"  Sagte  die  Gclse  (Alice 
zog  ihre  Füße  erschrocken  ZUrÜd^)  „ist  ein  Butterbrotkäfer,  seine 
Flügel  sind  dünne  Butterbrotsdinitlen,  sein  Körper  ist  eine  Brotrinde  und  sein 
Kopf  ist  -ein  Stüdc  Zucker." 

„Und  wovon  lebt  er?" 

„Von  Milchkaffee." 

Eine  neue  Schwierigkeit  kam  Alice  in  den  Sinn» 
„Wenn  er  aber  keinen  findet?" 

„Dann  stirbt  er  natürlich." 

„Das  muß  aber  oft  geschehen,"  bemerkte  Alice 
nachdenklich. 

„Es  geschieht  immer,"    Sagte    diC    GelsC. 

Alice  schwieg  ein  paar  Minuten  und  dachte  nach. 
Indessen  unterhielt  sidi  die  Gelse  damit,  ihr  summend 
um  den  Kopf  zu  fliegen.  Endlich  setzte  sie  sich  wieder 

nieder  und  fragte:  „Du  möchtest  wohlmdit  gerne  deinen  Namen  verlieren?" 

„Nein,  durdiaus  nicht,"  sagte  Alice  ängstlich. 

„Und  doch,  wer  weiß,"  Warf  die  Gclse  leicht  hin.  „überleg  dir 
nur  einmal,  wie  bequem  es  wäre,  wenn  du  ohne  Namen  nach  Hause  kämst.  Zum 
Beispiel,  wenn  die  Lehrerin  dich  zur  Stunde  ruft,  würde  sie  rufen :  ,Komm  her'  — 
und  dann  könnte  sie  nichts  weiter  sagen,  weil  sie  keinen  Namen  rufen  könnte,, 
und  natürlich  brauchtest  du  nicht  zu  kommen." 

34 


„Das  würde  mir  nichts  helfen,"  sagte  Alice.  „Die 
Lehrerin  würde  mir  die  Stunden  deshalb  doch  nicht  er- 
lassen. Wenn  sie  meinen  Namen  nidit  wüßte,  dann  würde 
sie  midi  »Fräulein*  nennen,   wie   die  Dienstmädchen." 

„Wenn  sie  dich  aber  Fräulein  nennen  würde,"  bemerkte  die  GclsC, 
„dann  würdest  du  didi  wieder  über  die  Stunde  fräuen,  nicht?  Das  war  ein 
Witz;  idi  wollte,  du  hättest  ihn  gemacht." 

„Warum  wolltest  du  das?"  fragte  Alice.  „Es  ist  ein 
sehr  schlechter  Witz." 

Aber  die  Gelse  seufzte  nur  tief  auf,  wobei  ihr  zwei 
große  Tränen  über  die  Wangen  liefen. 

„Du  solltest  keine  Witze  machen,  wenn  es  dich,  so 
aufregt,"  sagte  Alice. 

Da  kam  wieder  einer  von  diesen  melancholischen 
Seufzern,  und  diesmal  schien  sich  die  arme  Gelse 
wirklich  hinweggeseufzt  zu  haben,  denn  als  Alice 
emporschaute,  war  auf  dem  Zweig  nichts  mehr  zu  sehen. 

Es  war  Alice  vom  langen  Sitzen  kühl  geworden; 
sie  stand  auf  und  ging  weiter.  Bald  kam  sie  zu 
einem  offenen  Feld,  an  dessen  anderem  Ende  ein 
Wald  war;  der  schaute  viel  dunkler  aus,  als  der 
letzte,  und  sie  fürchtete  sich  ein  wenig,  hineinzugehen. 
Aber  dann  entsciiloß  sie  sich  doch  dazu.  Denn  ich 
will  doch  nicht  zurüdkgehen,  dachte  sie  bei  sich,  und 
es  war  der  einzige  Weg  zum  achten  Feld. 

„Das  muß  der  Wald  sein,  in  dem  die  Dinge  keinen 
Namen  haben,"  sagte  sie  nachdenklich.  „Was  wird 
nur  aus  meinem  Namen  werden,  wenn  ich  da  hinein- 
gehe? Ich  würde  ihn  niciit  gerne  verlieren  — ,  denn 
man  würde  mir  doch  einen  anderen  geben,  und  sicher- 
lich einen  häßlicheren.  Aber  es  wäre  lustig,  wenn  ich 
das  Wesen  treffen  würde,  das  meinen  alten  Namen 
gefunden  hat!  Es  wäre  geradeso  wie  in  den  Zeitungs- 
ankündigungen, wo  die  Leute  verlorene  Hunde  suchten: 
„„Er    hört    auf    den    Namen    ,Nero'     und    hat    ein 

35 


Messinghalsband  um  — .""  Nein;  wenn  idi  mir  vorstelle, 
daß  ich  alles,  was  mir  entgegenkommt,  ,Alice'  anrufen 
müßte,  um  herauszubringen,  wer  auf  meinen  Namen 
hörti  Und  vielleidit  würde  gar  niemand  auf  ihn  hören!" 

Sie  schlenderie  weiter  und  kam  an  den  Wald.  Er 
sdiaute  sehr  kühl  und  schattig  aus.  „Nun,  jedenfalls 
ist  es  hier  angenehm,"  sagte  sie,  als  sie  unter  die 
Bäume  trat.  „An  einem  so  heißen  Tag  geht  man  gern 

in  den  —  in  den  —  in  was   denn   nur?" Sie 

konnte  sich  auf  das  Wort  nidit  besinnen.  „Ich  meine 
unter  den  —  unter  das  zu  kommen"  und  sie  legte 
ihre  Hand  auf  einen  Baumstamm.  „Wie  heißt  das  nur? 
Ich  glaube,  es  heißt  überhaupt  nicht!  —  Natürlich  nicht!" 

Sie  stand  eine  Weile  nachdenklich  still;  dann  fing 
sie  wieder  an:  „Also   es  ist  wirklich  geschehen!  und 

idtx  bin  jetzt, ich  muß  mich  daran  erinnern,  ich 

will  es!"  Aber  Müssen  und  Wollen  halfen  ihr  nichts, 
und  schließlicii  fiel  ihr  nach  angestrengtem  Nachdenken 
doch  nur  das  eine  ein:  „Ich  weiß,  es  beginnt  mit 
einem  L." 

Da  kam  gerade  ein  Reh  heran.  Es  betrachtete  Alice 
mit  seinen  großen,  sanften  Augen,  schien  aber  gar 
nicht  erschrocken.  —  „Komm  her,  komm  her!"  sagte 
Alice,  streckte  die  Hand  aus  und  versuchte,  das  Tier 
zu  streicheln.  Es  fuhr  nur  ein  bißchen  zurück,  blieb 
dann  wieder  vor  ihr  stehen  und  schaute  sie  an. 

„Wie  heißest  du?"  fragte  das  Reh  endlich.  Was 
für  eine  liebe,  sanfte  Stimme  es  hatte! 

Wenn  ich  das  nur  wüßte!  dachte  die  arme  Alice 
und  antwortete  ziemlich  traurig:  „Ich  heiße  jetzt  gar 
niciit." 

„Denk  nur  nach!",  sagte  das  Reh,  „das  gibt  es  nicht." 

Alice  dachte  nach,  aber  es  kam  nichts  dabei  heraus. 
„Bitte,  kannst  du  mir  nicht  sagen,  wie  du  heißest?" 

36 


fragte  sie  sdiüditern.  „Das  würde  mir  vielleicht  ein 
bißdien  helfen.* 

„Idi  will  es  dir  sagen,  wenn  du  ein  Stüdc  weiter 
mitkommst,"  sagte  das  Reh.  „Hier  fällt  esmirnidit  ein." 

So  gingen  sie  miteinander  durch  den  Wald.  Alice 
hielt  den  Arm  zärtlich  um  den  weichen  Hals  des  Reh- 
leins geschlungen,  bis  sie  in  ein  anderes  offenes  Feld 
kamen.  Da  sprang  das  Reh  mit  einem  plötzlichen  Ruck 
in  die  Luft  und  schüttelte  Alicens  Arm  ab.  „Ich  bin 
ein  Reh!"  rief  es  entzüdct  aus.  „Und,  wahrhaftig  — 
du  bist  ein  Menschenkind!"  Plötzlich  kam  ein  Aus- 
druck von  Angst  in  seine  schönen,  braunen  Augen, 
und  im  nächsten  Augenblick  war  es  in  höchster  Eile 
davon  gesprungen. 

Alice  sah  ihm  nach,  fast  weinend  darüber,  daß  sie 
ihren  lieben  kleinen  Weggefährten  so  rasch  verloren 
hatte.  „Ich  weiß  aber  wenigstens  jetzt  meinen  Namen," 
sagte  sie.  „Das  ist  doch  ein  Trost.  Alice  —  Alice  — 
jetzt  werde  ich  ihn  nicht  wieder  vergessen.  Welchem 
von   diesen   zwei  Wegweisern   soll  ich  jetzt  folgen?" 

Diese  Frage  war  nicht  sehr  schwer  zu  beantworten, 
denn  es  ging  nur  ein  Weg  durch  den  Wald  und  die 
zwei  Wegweiser  zeigten  beide  in  dieselbe  Richtung. 
„Ich  werde  das  entscheiden,"  sagte  Alice,  „sobald 
der  Weg  sich  teilt  und  sobald  sie  nach  verschiedenen 
Richtungen  zeigen." 

Sie  ging  weiter,  und  immer  weiter;  aber  so  oft 
der  Weg  sich  teilte,  wiesen  beide  Wegweiser  stets  in 
dieselbe  Richtung.  Auf  dem  einen  stand:  „zu  Dideldum" 
und  auf  dem  anderen  „zu  Dideldei." 

„Ich  glaube  wahrhaftig,"  sagte  Alice  endlich,  „daß 
die  zwei  im  selben  Haus  wohnen.  Komisch,  daß  ich 
früher  nicht  daran  gedacht  habe!  Aber  lange  kann 
ich  nicht  bei  ihnen  bleiben.  Icii  werde  hineingehen, 
guten  Tag  sagen   und  sie   um  den  Weg  aus  diesem 

37 


Wald  fragen.  Wenn  idi  nur  auf  das  adite  Feld  kommen 
könnte,  bevor  es  dunkel  wirdl" 

So  marsdiierte  sie  weiter  und  spradi  im  Gehen 
mit  sich  selbst,  bis  sie  bei  einer  scharfen  Wegbiegung 
plötzlich  zwei  dicke  Männlein  vor  sich  sah  —  so 
plötzlich,  daß  sie  ersdirocken  zurückfuhr.  Aber  im 
nädisten  Augenblidc  faßte  sie  sidi  und  wußte:  das  sind 


38 


IV.         K  a  p  i  t  e  1. 

Dideldum    und    Dideldci. 


Sie  standen  unter  einem  Baum,  jeder  einen  Arm 
um  des  anderen  Hals  geschlungen.  Alice  wußte  audi 
gleidi,  weldier  Dideldum  war  und  welcher  Dideldei. 
Der  eine  hatte  nämlich  auf  seinem  Kragen  „Dum" 
eingestickt,  der  andere  „Dei".  (Wahrscheinlich  steht 
bei  beiden  rückwärts  „Didel",  dadite  sie.)  Sie  stand 
still  und  vergaß  ganz,  daß  sie  lebendige  Leute  vor 
sidi  hatte;  sie  wollte  gerade  um  sie  herum.gehen,  um 
nachzusehen,  ob  wirklidi  das  Wort  „Didel"  rückwärts 
auf  ihrem  Kragen  stünde.  Da  wurde  sie  durch  die 
Stimme  des  einen,  der  mit  „Dum"  bezeichnet  war, 
aufgesdiredit. 

„Wenn  du  glaubst,  daß  wir  Wachsfiguren  sind, 
dann  mußt  du  Eintrittsgeld  zahlen.  Wadisfiguren  darf 
man  nicht  umsonst  anschauen,  durchaus  nidit!" 

„Gegenteilig",  fügte  der  andere,  der  mit  „Dei"  ge- 
merkt war,  hinzu.  „Wenn  du  aber  glaubst,  daß  wir 
lebendig   sind,    dann  mußt   du  etwas  zu  uns  sagen." 

„Ich  bitte  vielmals  um  Verzeihung,"  war  alles,  was 
Alice  sagen  konnte,  denn  die  Worte  eines  alten  Liedes 
gingen  ihr  durch  den  Kopf  und  sie  konnte  sidi  kaum 
zurückhalten,  sie  laut  auszusprechen: 
Dideldum  sagte:  „Dideldei, 
wir  müssen  ein  Duell  austragen, 
denn  du  weißt,  du  hast  mir  mei- 
ne schöne  neue  Klapper  zerschlagen." 

Da  flog  eine  Riesenkrähe  herbei 
pedxsdiwarz  und  windesschnell  — 
da  erschraken  die  Helden  alle  zwei 
und  vergaßen  ihr  ganzes  Duell. 

39 


„Idi  weiß,  woran  du  denkst,"  sagte  Dideldum,  „aber 
es  ist  nicht  so,  durchaus  nicht," 

„Gegenteilig,"  ergänzte  Dideldei.  „Wenn  es  so 
wäre,  dann  könnte  es  so  sein;  wenn  es  so  wäre,  dann 
würde  es  so  sein;  da  es  aber  nidit  so  ist,  ist  es 
nicht  so;  das  ist  logisch." 

„Ich  habe  darüber  nachgedacht,"  sagte  Alice  höflich, 
„welches  wohl  der  beste  Weg  aus  diesem  Wald 
ist.  Es  wird  sehr  dunkel.  Bitte,  sagen  Sie  es  mir." 

Aber  die  dicken  Männciien  sdiauten  einander  bloß 
an  und  grinsten.  Sie  sahen  Schuljungen  so  ähnlich,  daß 
Alice  sich  nicht  enthalten  konnte,  mit  dem  Finger  auf 
Dideldum  zu  zeigen  und  zu  sagen:  „Der  Erste". 

„Durchaus  nicht!"  rief  Dideldum  laut  und  ließ  den 
Mund  wieder  zusammenklappen. 

„Der  Zweite,"  sagte  Alice  und  zeigte  auf  Didel- 
dei, obwohl  sie  sicher  war,  daß  er  „gegenteilig"  aus- 
rufen würde;  und  das  tat  er  auch. 

„Du  hast  falsch  angefangen,"  rief  Dideldei.  „Das 
erste  bei  einem  Besuch  ist,  guten  Tag  zu  sagen  und 
die  Hand  zu  geben!"  Hier  umarmten  die  beiden 
Brüder  einander  zärtlich  und  streckten  die  beiden 
Hände,  die  sie  frei  hatten,  Alice  entgegen. 

Alice  wollte  keinem  von  ihnen  zuerst  die  Hand 
geben,  um  den  andern  nicht  zu  beleidigen;  so  hielt 
sie  es  für  das  Beste,  ihre  Hände  gleichzeitig  zu  fassen. 
Im  nächsten  Augenblick  tanzten  sie  einen  Ringelreihen. 

Das  schien  ihr  ganz  natürlicii  (dessen  entsann  sie 
sich  später);  sie  war  nicht  einmal  überrascht,  plötz- 
lich Musik  zu  hören.  Diese  schien  aus  dem  Baum 
zu  kommen,  unter  dem  sie  tanzten,  und  entstand  (so- 
weit sie  es  feststellen  konnte)  dadurdi,  daß  die  Zweige 
aufeinander  geigten,  wie  Fiedel  und  Fiedelbogen. 
„Aber  es  war  wirklich  komisch,"  sagte  Alice  später, 
als  sie  ihrer  Schwester  die  ganze  Geschiciite  erzählte, 

40 


„daß  ich  plötzlidi  sang:  ,Wir  tanzen  um  den  Maul- 
beerbusch/ Idi  weiß  nicht,  wann  es  anfing,  aber  mir 
war,  als  hätte  ich  schon  lange,  lange  gesungen." 

Die  beiden  andern  Tänzer  waren  sehr  dick  und 
kamen  bald  außer  Atem. 

„Viermal  herum  ist  genug,"  keuchte  Dideldei  und 
dann  hörten  sie  ebenso  plötzlich  zu  tanzen  auf,  wie 
sie  angefangen  hatten.  Im  selben  Augenblick  sdiwieg 
audi  die  Musik.  Sie  ließen  Alicens  Hand  los  und 
schauten  sie  eine  Weile  an.  Es  war  eine  unangenehme 
Pause,  denn  Alice  wußte  nidit,  wie  man  ein  Ge- 
sprädi  mit  Leuten  beginnt,  mit  denen  man  gerade 
getanzt  hat. 

jetzt  kann  ich  dodi  nicht  mehr  „guten  Tag"  sagen, 
dachte  sie;  über  das  sind  wir  schon  hinaus. 

„Ich  hoffe,  Sie  sind  nicht  sehr  müde,"  sagte  sie 
endlich. 

„Durchaus  nicht,  und  schönen  Dank,  daß  du  gefragt 
hast!"  sagte  Dideldum. 

„Danke  tausendmal,"  fügte  Dideldei  hinzu.  „Hörst 
du  gern  Gedichte  aufsagen?" 

„Ja,  ganz  gern  —  manche  Gedidite,"  sagte  Alice 
zögernd.  „Wollen  Sie  so  gut  sein,  mir  zu  sagen, 
welcher  Weg  aus  diesem  Walde  herausführt?" 

„V%^as  soll  idi  ihr  aufsagen?"  fragte  Dideldei  und 
schaute  mit  großen  Augen  nadi  Dideldum,  ohne  Alicens 
Frage  zu  beachten. 

„,Das  Walroß  und  der  Zimmermann*  ist  das 
längste,"  sagte  Dideldei  und  umarmte  seinen  Bruder 
zärtlich. 

Dideldei  begann  sogleich: 
„Die  Sonne  schien  — " 

Hier  wagte  Alice  zu  unterbrechen.  „Wenn  es  sehr 
lang  ist,"  sagte  sie  möglichst  arüg,  „dann  sagen  Sie 
mir  doch,  bitte,  zuerst,  welcher  Weg  — " 

41 


Dideldei  lädielte  freundlich  und   begann  wieder: 

„Die  Sonne  schien  das  Meer  entlang, 

sie  schien  mit  aller  Madit 

und  sdieuerte  die  Wellen  blank 

zu  heller  Glitzerpradit  — 

Und  das  war  sonderbar;  es  war 

ja  mitten  in  der  Nadit. 

Der  Mond  sdiien  brummig,  denn  er  fand, 

daß  dies  ein  Unfug  sei. 

„Wer  braucht  die  dumme  Sonne  noch? 

Der  Tag  ist  ja  vorbei. 

jetzt  hat  sie  nichts  mehr  hier  zu*  tun: 

Verdammte  Bummeleil" 

Das  Meer  war  über  und  über  naß, 

staubtrocken  war  der  Sand, 

man  konnte  nidit  ein  Wölkchen  sehn, 

weil  keins  am  Himmel  stand, 

man  sah  kein  Vöglein  fliegen,  weil 

sich  keines  dort  befand. 

Das  Walroß  und  der  Zimmermann 
spazierten  in  der  Näh. 
Sie  weinten  über  so  viel  Sand 
und  jammerten:  „Oh  wehl 
War  hier  nur  besser  ausgefegt, 
wie  herrlich  war  die  Seel" 

„Wenn  sieben  Mägde  ein  halbes  Jahr 

hier  fegten  tagaus,  tagein, 

was  glaubst  du  — "  fragte  das  Walroß  sanft, 

„würde  der  Boden  rein?" 

Draüf  schluchzte  laut  der  Zimmermann 

und  sprach:  „Ich  fürchte,  nein!" 


42 


„Ach,  Austern!"  rief  das  Walroß  aus, 

„kommt  doch  zu  uns  ans  Land! 

Es  plaudert  sidi  so  angenehm, 

lustwandelnd  hier  am  Strand. 

Kommt  —  vier  und  vier  —  wir  reichen  dann 

jeder  eine  Hand." 

Die  allste  Auster  sah  ihn  an 
und  sprach  kein  Sterbenswort. 
Sie  sdiüttelte  das  schwere  Haupt 
Und  blieb  an  ihrem  Ort. 
Sie  blinzelte  verständnisvoll  — 
Das  hieß:  „Ich  geh  nidit  fort." 

Allein  vier  junge  Austerchen, 
die  krochen  aus  dem  Nest 
und  kamen,  sauber  abgeputzt, 
gekleidet  wie  zum  Fest, 
zwar  ohne  Füße,  doch  die  Schuh 
gebürstet  auf  das  Best. 

Vier  andre  dann,  und  wieder  vier 

und  viere  hinterher, 

so  kamen  viele,  vier  zu  vier 

und  immer  mehr  und  mehr, 

so  hüpften  sie  und  schlüpften  sie 

in  Massen  eilig  her. 

Das  Walroß  und  der  Zimmermann 

gingen  dahin  am  Strand 

und  setzten  sidi  auf  einen  Stein, 

der  just  erreichbar  stand, 

und  all  die  kleinen  Austerchen 

umringten  sie  gespannt.^ 


43 


„Nun  plaudern  wir",  das  Walroß  sprach, 

und  sdiaute  sidi  freundlidi  um, 

„Von  Sdiuhen  —  Schiffen  —  Siegellacke  — 

von  Kraut  und  Königtum, 

und  ob  ein  Wildschwein  Flügel  hat, 

und  wenn  es  sie  hat,  warum?" 

Die  Austern  baten:  „Wartet  doch 

mit  dieser  Plauderei  — 

weil  wir  ganz  außer  Atem  sind, 

und  wären  so  gerne  dabei!" 

„Sehr  gerne,"  sprach  der  Zimmermann 

und  zählte  „eins,  zwei,  drei." 

„Ein  Stückdien  Brot",  das  Walroß  sprach, 

„kam  jetzt  uns  sehr  zur  Zeit, 

dazu  ein  wenig  Essig  auch, 

und  Pfeffer,  den  man  streut. 

Und  dann,  ihr  lieben  Austerchen, 

bin  idi  zum  Mahl  bereit." 

Die  Austern  wurden  bleich  und  blau 

wie  frisch  polierter  Stahl. 

„Was  hören  wir,  was  hören  wir 

plötzlich  von  einem  Mahl? 

Ihr  —  uns?  Nadh  solcher  Freundlidikeit 

wäre  dies  eine  Qual!" 

„Welch  sdiöne  Nacht!"  das  Walroß  sprach, 

„ist  nicht  die  Aussicht  nett?" 

Der  Zimmermann  spradi:  „Diese  da 

ist  ganz  besonders  fett; 

schneid  mir  noch  eine  Schnitte  Brot 

mit  deinem  Bajonett." 


44 


Das  Walroß  sagte:  „Eigentlich 

war  das  von  uns  nidit  sdiön, 

wir  schleppten  sie  so  weit  heraus 

und  ließen  so  schnell  sie  geh*n." 

Der  Zimmermann  spradi:  „Gib  mir  noch 

mehr  Butter,  bitte  schön!" 

„Ich  bin  für  euch  von  Mitleid  voll", 

das  weinende  Walroß  spricht 

und  sud\t  sich  die  größten  Austern  heraus, 

„daß  mir  das  Herz  fast  bricht." 

Und  es  hält  ein  großes  Taschentuch 

vor  sein  tränennaßes  Gesicht. 

„Ach  Austern,"  sprach  der  Zimmermann, 
„der  Abend  war  wunderbar, 
ihr  hattet  Glück I  Doch  jetzt  wird*s  spät, 
jetzt  gehen  wir  heim,  nicht  wahr?" 
Die  Austern  aber  schv;iegen  still. 
Weil  keine  mehr  übrig  war." 

„Am  besten  gefällt  mir  das  Walroß,"  sagte  Alice, 
„weil  es  die  armen  Austern  doch  ein  bißchen  be- 
dauert hat" 

„Aber  es  hat  trotzdem  mehr  von  ihnen  gegessen, 
als  der  Zimmermann,"  sagte  Dideldei.  „Weißt  du,  es 
hat  sicii  das  Tasciientuch  vorgehalten,  so  daß  der 
Zimmermann  nidit  sehen  konnte,  wieviel  es  nahm. 
Gegenteilig." 

„Das  war  abscheulich!"  sagte  Alice  empört.  „Dann 
gefällt  mir  der  Zimmermann  besser,  weil  er  nicht  so 
viel  gegessen  hat,  wie  das  Walroß." 

„Er  hat  aber  so  viel  gegessen,  als  er  bekommen 
konnte!"  sagte  Dideldum. 

Das  war  nun  eine  schwierige  Frage. 

45 


Nach  einer  Pause  fing  Alice  an;  „Dann  waren  sie 
beide  sehr  sdilechte  Charaktere  — "  hier  hielt  sie 
beunruhigt  inne,  denn  sie  hörte  im  nahen  Walde 
etwas,  das  ihr  wie  das  Fauchen  einer  großen  Dampf- 
maschine klang.  Sie  fürchtete,  daß  es  ein  wildes  Tier 
sein  könnte. 

„Gibt  es  in  dieser  Gegend  Löwen  oder  Tiger?" 
fragte  sie  ängstlich. 

„Es  ist  nur  der  schwarze  König,  der  da  schnarcht," 
sagte  Dideldei. 

„Komm  und  schau  dir  ihn  an!"  riefen  die  Brüder, 
nahmen  Alice  jeder  bei  einer  Hand  und  führten  sie 
vor  den  sdilafenden  König. 

„Ist  das  nicht  ein  entzückendesBild?"  fragte  Dideldei. 

Alice  konnte  nicht  aufriditig  zustimmen.  Der  König 
hatte  eine  große  Nachtmütze  mit  einer  Quaste  auf 
dem  Kopf,  lag  wie  eine  Kugel  zusammengerollt  da 
und  schnardite  laut,  schnarchte  sich  beinahe  den  Kopf 
ab,  wie  Dideldum  bemerkte. 

„Ich  fürchte,  er  wird  sldi  erkälten,  wenn  er  da  auf 
dem  feuchten  Gras  liegt,"  sagte  Alice,  die  ein  sehr 
vernünftiges  kleines  Mädchen  war. 

„Er  träumt  jetzt."  sagte  Dideldei.  „Und  was  glaubst 
du  wohl,  wovon  er  träumt?" 

Alice  sagte:  „Niemand  kann  das  erraten." 

„Nun,  von  dir!"  rief  Dideldei  und  klatschte  trium- 
phierend in  die  Hände.  „Wenn  er  aufhören  würde,  von 
dir  zu  träumen,  was  glaubst  du,  wo  du  dann  wärst?" 

„Da  wo  ich  jetzt  bin,  natürlich!"  sagte  Alice. 

„Oho,  nein,"  sagte  Dideldei  verächtlich.  „Gar  nir- 
gends wärst  du!  Du  bist  nur  eine  seiner  Traumgestalten." 

„Wenn  dieser  König  da  aufwachte,"  fügte  Didel- 
dum hinzu,  „dann  würdest  du  einfach  ausgehen,  bums, 
wie  eine  Kerze." 

46 


„Oh,  durchaus  niditl"  rief  Alice  entrüstet.  „Und 
außerdem,  wenn  ich  nur  eine  Traumgestalt  bin,  was 
sind  dann  Sie,  möchte  ich  gern  wissen?" 

„Ditto,"  sagte  Dideldum. 

„Ditio,  ditto,"  rief  Dideldei. 

Er  schrie  das  so  laut,  daß  Alice  sagte:  „Pst!  Sie 
werden  ihn  aufwedcen,  wenn  Sie  so  einen  Lärm  maciien." 

„Es  hat  keinen  Sinn,  wenn  du  davon  redest,  daß 
man  ihn  aufweckt,"  sagte  Dideldum  „da  du  dodi  nur 
eine  seiner  Traumgestalten  bist.  Du  weißt  ganz  gut, 
daß  du  nidit  wirklich  bist." 

„Ich  bin  wirklich,"  sagte  Alice  und  fing  zu  weinen  an. 

„Durch  Weinen  wirst  du  nicht  ein  bißdien  wirk- 
lidier,"  bemerkte  Dideldei.  „Da  gibt  es  gar  nidits  zu 
weinen." 

„Wenn  ich  nicht  wirklidi  wäre,"  sagte  Alice  und 
lachte  mitten  im  Weinen,  denn  die  Sache  kam  ihr 
sehr  komisdi  vor,  „dann  könnte  idi  dodi  nicht  weinen." 

„Idi  hoffe,  du  bildest  dir  nicht  ein,  daß  daswirklidie 
Tränen  sind?"  unterbradi  Dideldum  sie  sehr  ärgerlich. 

Ich  weiß,  daß  sie  Unsinn  reden,  dachte  Alice;  es 
ist  dumm,  darüber  zu  weinen.  So  wisciite  sie  sicii  die 
Tränen  ab  und  fuhr  fori,  so  fröhlicii  sie  konnte: 
„jedenfalls  wäre  es  gut,  wenn  ich  aus  dem  Walde 
herauskäme,  denn  es  wird  sehr  finster.  Glauben  Sie, 
daß  es  regnen  wird?" 

Dideldum  spannte  einen  großen  Regensciiirm  über 
sich  und  seinen  Bruder  auf  und  schaute  hinein.  „Idi 
glaube  niciit,"  sagte  er,  „wenigstens  nicht  unter  dem 
Sciiirm;  gewiß  nicht." 

„Aber  draußen  könnte  es  regnen." 

„Es  könnte,  wenn  es  Lust  hätte,"  sagte  DideldcL 
„Wir  haben  nichts  dagegen,  gegenteilig." 

„Egoisten,"  dachte  Alice  und  wollte  gerade  gute 
Naciit  sagen  und  sich  empfehlen,  als  Dideldum  unter 

47 


dem  Regensdiirm  hervorsprang  und  sie  fest  beim  Hand- 
gelenk faßte.  „Siehst  du  das?"  sagte  er  mit  einer 
Stimme,  die  vor  Leidensdiaft  bebte,  und  seine  Augen 
wurden  in  einem  Augenblick  groß  und  gelb,  während 
er  mit  zitternden  Fingern  auf  einen  kleinen  weißen 
Gegenstand  deutete,  der  unter  einem  Baum  lag. 

„Das  ist  nur  eine  Klapper,"  sagte  Alice  nadi 
sorgfältiger  Untersuchung  des  Gegenstandes  —  „nicht 
eine  Klappersdilange,"  setzte  sie  eilig  hinzu,  weil  sie 
meinte,  daß  er  Angst  habe.  „Nur  eine  alte  Kinder- 
klapper. Sie  ist  ganz  zerbrodien." 

„Ich  wußte  es!"  schrie  Dideldum  und  stampfte  wild 
mit  den  Füßen  und  raufte  sich  die  Haare.  „Natürlich 
ist  sie  zerbrochen!" 

Hier  schaute  er  Dideldei  an,  der  sidi  sofort  auf 
den  Fußboden  setzte  und  versudite,  sidi  unter  dem 
Schirm  zu  verstecken. 

Alice  legte  die  Hand  auf  seinen  Arm  und  sagte 
beruhigend:  „Sie  sollten  sich  wegen  einer  alten 
Klapper  nicht  so  aufregen." 

„Sie  ist  aber  nidit  alt!"  schrie  Dideldum  in  stei- 
gendem Zorn,  „sie  ist  neu,  ich  habe  sie  erst  gestern 
gekauft!  Meine  schöne  neue  Klapper!"  und  er 
brüllte  geradezu. 

jetzt  versuchte  Dideldei,  so  gut  er  konnte,  den 
Regenschirm  zuzumadien  und  sich  selbst  mit  einzu- 
sdiließen.  Das  sah  so  sonderbar  aus,  daß  Alicens 
Aufmerksamkeit  von  seinem  zornigen  Bruder  abgelenkt 
wurde.  Dideldei  bradite  es  nidit  zustande  und  die 
Sache  endete  damit,  daß  er  in  den  Regenschirm  ein- 
gewidcelt  umfiel,  so  daß  nur  sein  Kopf  herausschaute; 
und  da  lag  er  nun  und  machte  den  Mund  und  die 
großen  Augen  auf  und  zu.  Er  schaut  einem  Fisch  zum 
Verwechseln  ähnlich,  dadite  Alice. 

48 


4 

mß 

1        w^^W 

5 

2k 

„Natürlich  werden  wir  uns  duellieren,"  sagte  Didel- 
dum  in  etwas  verächtlichem  Ton. 

„Vermutlidi,"  sagte  der  andere  Bruder  mürrisch, 
während  er  aus  dem  Schirm  herauskrodi.  „Aber  sie 
muß  uns  beim  Anziehen  helfen." 

Die  beiden  Brüder  gingen  Hand  in  Hand  in  den 
Wald  hinein  und  kamen  in  einer  Weile  zurüde,  die 
Arme  mit  allerlei  Sachen  beladen:  mit  Polstern, 
Leintüchern,  Teppichen,  Tischtüchern,  Wolltüchern  und 
Schürhaken. 

„Hoffentlich  kannst  du  gut  Nadeln  stecicen  und 
Schnüre  binden?"  erkundigte  sich  Dideldum.  „Alle 
diese  Dinge  müssen  irgendwie  angelegt  werden." 

Alice  sagte  später,  sie  habe  niemals  Leute  soviel 
Geschiciiten  machen  sehen  wie  diese  beiden.  Wie 
sie  herumsciiossen  —  und  was  sie  alles  anlegten  — 
und  wieviel  Mühe  sie  ihr  machten  mit  Binden  von 
Schnüren  und  Zumachen  von  Knöpfen!  „Sie  werden 
wirklich  aussehen,  wie  zwei  Bündel  alte  Kleider,  wenn 
sie  fertig  sind,"  sagte  sie  sich,  während  sie  Dideldei 
einen  Polster  um  den  Hals  band,  um,  wie  er  sagte, 
seinen  Kopf  vor  dem  Abgehauenwerden  zu  schützen. 

„Weißt  du,"  sagte  er  sehr  ernst,  „das  ist  eine  der 
gefährlichsten  Sachen,  die  einem  im  Leben  passieren 
können,  daß  einem  der  Kopf  abgeschlagen  wird." 
Alice  hätte  bald  laut  aufgelacht,  aber  es  gelang  ihr 
rechtzeitig,  es  in  ein  Hüsteln  umzuwandeln,  denn  sie 
fürchtete,  ihn  zu  beleidigen. 

„Schau  ich  sehr  blaß  aus?"  fragte  Dideldum,  als 
er  kam,  um  sich  den  Helm  umbinden  zu  lassen.  (Er 
nannte  es  einen  Helm,  obgleich  es  wahrhaftig  mehr 
wie  eine  Bratpfanne  aussah.) 

„Ein  bißciien,"  sagte  Alice  sanft. 

„Gewöhnlich  bin  ich  sehr  mutig,"  fuhr  er  leise 
fort,  „aber  heute  habe  ich  leider  Kopfschmerzen." 

49 


„Und  ich  habe  Zahnschmerzen/  sagte  Dideldei, 
der  die  Bemerkung  gehört  hatte.  „Mir  ist  viel  schlechter 
als  dir." 

„Dann  sollten  Sie  sich  heute  eigentlich  nicht 
duellieren,"  sagte  Alice,  die  eine  Gelegegenheit  wahr- 
nahm, Frieden  zu  machen. 

„Wir  müssen  uns  duellieren,  aber  ich  bestehe  nicht 
darauf,  mich  lange  zu  duellieren,"  sagte  Dideldum. 
„Wie  viel  Uhr  ist  es  jetzt?" 

Dideldei  schaute  auf  seine  Uhr  und  sagte :  „Halb  fünf." 

„Dann  wollen  wir  uns  bis  sechs  Uhr  duellieren  und 
nachher  zu  Abend  essen,"  erklärte  Dideldum. 

„Gut,"  sagte  der  andere  ziemlich  traurig,  „und  sie 
soll  uns  zusehen.  Aber  du  darfst  nicht  zu  nahe 
kommen,"  fügte  er  hinzu.  „Gewöhnlich  treffe  ich  alles, 
was  ich  sehen  kann,  wenn  ich  wirklich  in  Aufregung 
komme." 

„Und  ich  treffe  alles,  was  in  der  Nähe  ist,"  schrie 
Dideldum,  „ob  ich  es  sehen  kann  oder  nicht." 

Alice  lachte:  „Sie  müssen  ziemlich  viele  Bäume 
treffen!" 

Dideldum  schaute  mit  einem  zufriedenen  Lächeln 
um  sich.  „Ich  glaube  nicht,  daß  hier  in  der  Runde 
noch   ein  Baum   stehen  wird,  wenn  wir  fertig  sind." 

„Und  das  alles  um  eine  Klapper?"  fragte  Alice, 
die  noch  immer  hoffte,  das  sie  sich  schämen  würden, 
um  eine  solche  Kleinigkeit  zu  kämpfen. 

„Ich  hätte  mir  nicht  soviel  daraus  gemacht,"  sagte 
Dideldum,  „wenn  es  nicht  eine  neue  gewesen  wäre." 

Ich  wollte,  die  Riesenkrähe  käme,  dadite  Alice. 

„Wir  haben  nur  ein  Schwert,"  sagte  Dideldum  zu 
seinem  Bruder.  „Aber  du  kannst  den  Sdiirm  haben, 
der  ist  eben  so  scharf.  Wir  müssen  rasch  beginnen, 
denn  es  wird  so  dunkel  wie  nur  möglich." 

50 


^Nodi  dunkler,"  sagte  Dideldei. 

Es  wurde  so  plötzlich  dunkel,  daß  Alice  dadite, 
ein  Wetter  müsse  kommen:  „Was  für  eine  dicke 
sdiwarze  Wolke  das  ist  und  wie  schnell  sie  her- 
kommt! Ich  glaube  wahrhaftig,  sie  hat  Flügel." 

„Es  ist  die  Krähe,"  schrie  Dideldum  angstvoll. 

Die  beiden  Brüder  fingen  an  zu  laufen  und  waren 
im  nächsten  Augenblidi  verschwunden. 

Alice  lief  ein  Stück  in  den  Wald  hinein  und  blieb 
unter  einem  großen  Baum  stehen.  Hier  kann  sie 
mich  nicht  erwisdien,  dachte  sie.  Sie  ist  viel  zu 
groß,  um  sidi  zwischen  den  Bäumen  durchzuzwängen. 
Aber  wenn  sie  nur  nicht  so  mit  den  Flügeln  schlagen 
wollte.  Sie  macht  einen  ganzen  Orkan  im  Wald.  Da 
wird  jemandem  ein  Tudi  weggeblasen. 


4* 


51 


V.  K  a  p  i  t  c  1. 

Wolle      und      Wasser. 


Sie  fing  das  Tudi  auf  und  sah  sidi  nach  dem 
Eigentümer  um;  im  nächsten  Augenblick  kam  die  weiße 
Königin  wild  durch  den  Wald  gelaufen.  Sie  hielt  die 
Arme  weit  ausgebreitet,  als  ob  sie  fliegen  wollte. 
Alice  ging  ihr  mit  dem  Tuch  entgegen. 

„Ich  freue  mich  sehr,  daß  ich  es  aufgefangen  habe", 
sagte  Alice  und  half  ihr  das  Tuch  um  die  Schultern 
legen. 

Die  weiße  Königin  sdiaute  sie  bloß  an  mit  einem 
hilflosen,  ängstlichen  Blick  an  und  wiederhohe  flüsternd 
immer  wieder  irgendetwas,  das  wie  „Butterbrot,  Butter- 
brot", klang.  Alice  meinte,  es  würde  überhaupt  nicht  zu 
einem  Gespräch  kommen,  wenn  sie  nicht  anfinge. 

So  begann  sie  schüchtern:  „Habe  idi  das  Ver- 
gnügen, vor  der  weißen  Königin  zu  stehen?" 

„Jawohl,  wenn  du  es  ein  Vergnügen  nennst,  vor 
mir  zu  stehen,  statt  mir  beim  Ankleiden  zu  helfen,** 
sagte  die  Königin.  „Schau  nur,  wie  ich  aussehe!" 

Alice  lächelte.  „Wenn  Eure  Majestät  mir  sagen 
wollen,  was  ich  zu  tun  habe,  dann  will  ich  es  machen, 
so  gut  idi  kann." 

„Aber  ich  weiß  es  ja  gar  niciit!"  stöhnte  die  arme 
Königin.  „Ich  versuciie  ja  schon  seit  zwei  Stunden, 
micii  anzukleiden!" 

Sie  schien  wirklicii  Hilfe  zu  brauciien,  denn  sie 
sah  furchtbar  unordentlich  aus.  Alles  saß  schief  an 
ihr,  und  sie  war  mit  Stecknadeln  besät.  „Darf  id\  Ihnen 
das  Tuch  gerade  legen?"  fragte  Alice. 

„Ich  weiß  nicht,  was  mit  dem  Tucii  los  ist!"  sagte 
die  Königin  melancholisch.  „Icii  glaube,  es  ist  sciilecht 

52 


gelaunt.  Idi  habe  es  hier  angesteckt  und  da  angesteckt, 
aber  es  will  sich  nicht  zufrieden  geben!** 

„Es  kann  ja  nicht  gerade  hängen,  wenn  Sie  es  auf 
einer  Seite  in  die  Höhe  sted^en,"  sagte  Alice  und 
brachte  das  Tuch  in  Ordnung.  „Und  mein  Gott,  wie 
sieht  Ihre  Frisur  aus?" 

„Die  Bürste  hat  sich  in  das  Haar  verhängt,**  sagte 
die  Königin  mit  einem  Seufzer;  „und  gestern  habe  ich 
den  Kamm  verloren.** 

Alice  löste  die  Bürste  sorgfältig  aus  dem  Haar 
und  bemühte  sich,  die  Frisur  in  Ordnung  zu  bringen. 
„Nun  also,  jetzt  sehen  Sie  viel  besser  aus!**  sagte 
sie,  nachdem  sie  die  meisten  Nadeln  frisch  gesteciit 
hatte.  „Aber  Sie  sollten  wirklich  eineKammerzofe  haben.** 

„Ich  will  dich  gerne  aufnehmen!**  sagte  die  Königin. 
„Zwei  Groschen  die  Woche  und  jeden  zweiten  Tag 
Marmelade.** 

Alice  sagte  lachend:  „Ich  mag  nicht  aufgenommen 
werden,  und  Marmelade  habe  ich  nidit  gerne.** 

„Es  ist  sehr  gute  Marmelade,**  sagte  die  Königin. 

„Nun,  ich  mag  jedenfalls  heute  keine.*' 

„Du  könntest  sie  heute  gar  nicht  kriegen,  auch 
wenn  du  sie  möditest,**  sagte  die  Königin.  „Die  Regel 
ist,  morgen  Marmelade  und  gestern  Marmelade,  aber 
niemals  heute  Marmelade.** 

„Aber  einmal  muß  es  doch  heute  Marmelade  geben,** 
wandte  Alice  ein. 

„Nein,  niemals,"  sagte  die  Königin.  „Es  heißt: 
Marmelade  jeden  zweiten  Tag,  heute  ist  aber  niemals 
der  zweite  Tag.*' 

„Ich  verstehe  das  nicht!**  sagte  Alice.  „Es  ist 
furchtbar  unverständlich.** 

„Das  kommt  davon,  wenn  man  nach  rückwärts 
lebt,**  sagte  die  Königin  freundlich;  „das  macht  einen 
zuerst  immer  ein  bißchen  schwindlig ** 

53 


„Nach  rückwärts  lebt?"  "wiederholte  Alice  sehr 
erstaunt.  »Ich  habe  niemals  so  etwas  gehört." 

„Aber  es  hat  den  großen  Vorteil,  daß  das  Ge- 
dächtnis nadi  beiden  Seiten  arbeitet." 

„Das  meinige  arbeitet  nur  nach  einer  Seite,"  be- 
merkte Alice.  „Ich  kann  midi  nicht  an  Dinge  erinnern, 
bevor  sie  geschehen  sind." 

„Das  ist  ein  sehr  armseliges  Gedächtnis,  das  nur 
nach  rückwärts  arbeitet,"  sagte  die  Königin. 

„An  was  für  Dinge  erinnern  Sie  sich  am  besten?" 
wagte  Alice  zu  fragen. 

„Oh,  an  die  Dinge,  die  übernächste  Woche  ge- 
schehen werden,"  antwortete  die  Königin  leichthin. 
„Zum  Beispiel  jetzt,"  fuhr  sie  fort  und  klebte  ein  großes 
Stück  Heftpflaster  auf  einen  Finger.  „Das  ist  der  Bote 
des  Königs.  Er  sitzt  jetzt  die  Strafe  ab;  das  Verhör 
beginnt  erst  nächsten  Mittwoch  und  natürlich  kommt 
das  Verbrechen  zu  allerletzt." 

„Aber  wenn  er  das  Verbrechen  gar  nicht  begeht?" 
fragte  Alice. 

„Das  wäre  umso  besser,  niciit  wahr?"  sagte  die 
Königin  und  band  sich  das  Pflaster  mit  einem  Stücicchen 
Band  um  den  Finger. 

Das  war  nicht  zu  leugnen.  „Natürlicii  wäre  das 
besser."  sagte  Alice.  „Aber  dann  wäre  es  nicht  riciitig, 
daß  er  bestraft  worden  ist." 

„Da  hast  du  jedenfalls  unrecht,"  sagte  die  Königin, 
„Bist  du  niemals  bestraft  worden?" 

„Nur  für  Fehler,"  sagte  Alice. 

„Und  du  bist  doch  dadurcii  besser  geworden,  so- 
viel ich  weiß?"  sagte  die  Königin  triumphierend. 

„Ja,  aber  dann  hatte  ich  die  Dinge  getan,  für 
die  ich  bestraft  wurde,"  sagte  Alice,  „und  das  ist  der 
große  Unterschied." 

54 


„Wenn  du  sie  aber  nidit  getan  hättest?"  sagte 
die  Königin,  „dann  wäre  es  noch  besser  gewesen, 
besser  und  besser  und  besser!"  Ihre  Stimme  hob  sich 
bei  jedem  „besser",  bis  endlich  ein  Kreischen  herauskam. 

Alice  fing  gerade  an  zu  sagen:  „Da  ist  irgend 
ein  Fehler  — "  da  kreischte  die  Königin  so  laut,  daß 
sie  den  Satz  in  der  Mitte  abbredien  mußte.  „Oh,  oh, 
oh!"  brüllte  die  Königin  und  schüttelte  ihre  Hand, 
als  ob  sie  sie  abschütteln  wollte.  „Mein  Finger  blutet, 
oh,  oh,  oh!" 

Ihr  Geschrei  klang  dem  Pfeifen  einer  Dampf- 
masdiine  so  ähnlidi,  daß  Alice  sich  beide  Hände  vor 
die  Ohren  halten  mußte.  „Was  ist  gesdiehen?"  rief 
sie,  sowie  sie  sich  vernehmlich  madien  konnte.  „Haben 
Sie  sich  in  den  Finger  gestodien?" 

„Nodi  nidit,"  sagte  die  Königin,  „aber  ich  werde 
es  gleich  tun,  oh,  oh,  oh!" 

„Wann  werden  Sie  es  denn  tun?"  fragte  Alice 
und  hatte  große  Lust,  zu  lachen. 

„Wenn  ich  mein  Tuch  wieder  feststec^e,"  stöhnte 
die  arme  Königin.  „Meine  Vorstedmadel  wird  gleidi 
aufgehen,  oh,  oh,  oh!"  Während  sie  so  wehklagte 
sprang  die  Vorstecknadel  auf  und  die  Königin  packte 
sie  heftig,  um  sie  wieder  zuzustechen. 

„Geben  Sie  adit!"  rief  Alice:  „Sie  halten  sie  ganz 
verkehrt." 

Dabei  griff  sie  nach  der  Nadel,  aber  es  war  zu 
spät;  die  Nadel  war  schon  abgeglitten,  und  die  Königin 
hatte  sidi  in  den  Finger  gestochen. 

„Davon  kommt  das  Bluten,  siehst  du!"  sagte  die 
Königin  lädielnd  zu  Alice.  „Jetzt  verstehst  du,  wie  die 
Dinge  hier  geschehen.*' 

,. Aber  warum  sdireien  Sie  denn  jetzt  nicht?"  fragte 
Alice  und  hob  die  Hände,  um  sich  wieder  die  Ohren 
zuzuhalten. 


55 


„Ich  habe  sdion  fertig  geschrien,"  sagte  die  Königin. 
„Warum  sollte  ich  wieder  anfangen?" 

Es  wurde  jetzt  hell.  „Die  Krähe  muß  schon  weg- 
geflogen sein,  denke  ich,"  sagte  Alice.  „Das  freut 
mich  sehr.  Es  war  vorhin  so  finster,  als  ob  es  Nadit 
würde." 

„Wenn  ich  mich  doch  nur  auch  freuen  könnte!" 
sagte  die  Königin.  „Ich  kann  mich  nur  niemals  an 
die  Regel  erinnern.  Du  mußt  sehr  glücklich  sein,  wenn 
du  in  diesem  Wald  lebst  und  dich  freuen  kannst,  so 
oft  du  willst." 

„Es  ist  nur  so  einsam  hier,"  sagte  Alice  traurig. 
Bei  dem  Gedanken  an  ihre  Einsamkeit  liefen  ihr  zwei 
große  Tränen  über  die  Wangen. 

„O,  nur  nicht  weinen!"  rief  die  arme  Königin  und 
rang  verzweifelt  die  Hände.  „Bedenke,  was  du  für  ein 
großes  Mädchen  bist!  Bedenke,  wie  weit  du  her- 
gekommen bist!  Bedenke,  wieviel  Uhr  es  ist!  Bedenke, 
was  du  willst,  nur  weine  nicht!" 

Darüber  mußte  Alice  wieder  lachen,  mitten  im 
Weinen. 

„Hält  es  Sie  vom  Weinen  zurück,  wenn  Sie  etwas 
bedenken?"  fragte  sie. 

„Das  ist  die  Regel,"  sagte  die  Königin  sehr  ent- 
schieden. „Niemand  kann  zwei  Sachen  auf  einmal  tun. 
Bedenken  wir  zunächst  dein  Alter.  Wie  alt  bist  du?" 

„Ich  bin  nur  gerade  sieben  und  ein  halbes  Jahr." 

„Du  brauciist  nicht  zu  sagen:  schnurgerade,"  be- 
merkte die  Königin.  „Ich  glaube  dir  auch  ohne  das. 
jetzt  werde  icii  dir  etwas  zu  glauben  geben.  Ich  bin 
hundert  und  ein  Jahr,  fünf  Monate  und  einen  Tag  alt." 

„Das  kann  icii  nicht  glauben,"  sagte  Alice. 

„Nicht?"  fragte  die  Königin  mitleidig.  „Probier  es 
noch  einmal;  atme  tief  und  sciiließe  die  Augen." 

56 


Alice  ladite.  „Probieren  nützt  nidits.  Unmögliche 
Dinge  kann  man  nidit  glauben." 

„Du  hast  es  wahrsdieinlidi  niemals  geübt,"  sagte 
die  Königin.  „In  deinem  Alter  habe  idk  es  jeden  Tag 
eine  halbe  Stunde  lang  getan.  Mandimal  hatte  ich 
schon  vor  dem  Frühstück  sechs  unmögliche  Dinge  ge- 
glaubt. Da  fliegt  mein  Tuch  wieder  davon!"  Die  Vor- 
stecicnadel  war  wieder  aufgegangen  und  ein  plötzlicher 
Windstoß  blies  der  Königin  das  Tuch  über  ein  Bäch- 
lein hinüber.  Die  Königin  breitete  die  Arme  aus 
und  flog  hinterher,  und  diesmal  konnte  sie  es  selbst 
einfangen.  „Ich  habe  es!"  rief  sie  triumphierend,  „jetzt 
sollst  du  sehen,  wie  ich  es  mir  selbst  wieder  anstecice, 
ganz  allein!" 

„Dann  ist  Ihr  Finger  hoffentlich  wieder  gut,"  sagte 
Alice  sehr  artig,  als  sie  das  Bädilein  hinter  der  Königin 
übersetzte. 

„Oh,  danke  sehr,"  sagte  sie  und  hob  die  Stimme 
wieder  zu  einem  Kreischen.  „Danke  sehr,  säähr,  säähr!" 
Die  letzten  Worte  endeten  in  einem  langen  Blöken, 
das  ganz  wie  das  Blöken  eines  Schafes  klang,  so 
daß  Alice  beinahe  erschrak. 

Sie  sah  die  Königin  an  und  diese  schien  sich 
plötzlich  ganz  in  Wolle  gekleidet  zu  haben.  Alice 
rieb  sich  die  Augen  und  sah  wieder  hin.  Sie  begriff 
durchaus  nicht,  was  geschehen  war.  War  sie  in  einem 
Kaufladen  und  war  das  wirklich  —  war  das  wirklich 
ein  Schaf,  das  auf  der  anderen  Seite  des  Ladentisches 
saß?  Soviel  sie  sich  auch  die  Augen  rieb,  sie  konnte 
nichts  daran  ändern:  sie  stand  in  einem  kleinen  dunklen 
Laden  und  stützte  die  Ellenbogen  auf  den  Ladentisch; 
ihr  gegenüber  aber  saß  in  einem  Lehnstuhl  ein  altes 
Schaf  und  strickte.  Von  Zeit  zu  Zeit  unterbrach  es  sidi 
dabei,  um  sie  durch  ein  paar  große  Brillen  anzusehen. 

57 


„Was  wünschst  du  zu  kaufen?"  fragte  das  Sdiaf 
sdiließlidi  und  schaute  einen  Augenblick  von  seiner 
Strickerei  auf. 

„Ich  weiß  es  noch  nicht  recht,"  sagte  Alice  sehr 
sanft.  „Ich  möchte  mir  gern  zuerst  alles  ringsherum 
ansehen,  wenn  ich  darf." 

„Du  kannst  nach  vorne  und  nach  beiden  Seiten 
sehen,  wenn  du  willst,  aber  du  kannst  nicht  rings- 
herum sehen,  außer,  wenn  du  auf  der  Rüdeseite  deines 
Kopfes  Augen  hast." 

Da  dies  zufällig  nicht  der  Fall  war,  begnügte  sich 
Alice  damit,  sidi  umzudrehen  und  die  Schrankfächer 
der  Reihe  nadi  anzusehen. 

Der  Laden  sdiien  mit  merkwürdigen  Dingen  aller 
Art  angefüllt  zu  sein,  aber  das  komischste  war  das: 
so  oft  sie  ein  Fach  anschaute,  um  seinen  Inhalt  zu 
betrachten,  war  just  dieses  Fach  ganz  leer,  während 
die  anderen  ringsherum  ganz  voll  erschienen. 

„Die  Dinge  fliegen  hier  so  herum,"  klagte  sie, 
nachdem  sie  minutenlang  vergeblich  ein  großes  helles 
Etwas  verfolgt  hatte,  das  bald  wie  eine  Puppe,  bald 
wie  ein  Nähkasten  aussah  und  immer  gerade  über 
dem  Fach  stand,  das  sie  anschaute.  „Und  dieses 
Ding  da  macht  es  am  ärgsten  —  aber  ich  weiß  schon, 
was  ich  tuel"  —  Es  kam  ihr  plötzlich  ein  Gedanke. 
„Ich  will  es  bis  ins  oberste  Fach  hinauf  verfolgen; 
durch  den  Dachbalken  wird  es  doch  nicht  so  leicht 
fliegen  können." 

Aber  auch  dieser  Plan  schlug  fehl,  denn  das  Ding 
ging  seelenruhig  durch  den  Balken,  als  ob  es  daran 
gewöhnt  wäre. 

„Bist  du  ein  Kind  oder  bist  du  ein  Kreisel?" 
fragte  das  Schaf  und  nahm  noch  ein  paar  Nadeln  in 
die  Hand.  „Du  wirst  mich  schwindlig  machen,  wenn 
du  dich  noch  lange  so  herumdrehst." 

58 


Es  strickte  jetzt  mit  vierzehn  paar  Nadeln  auf 
einmal,  und  Alice  schaute  ihm  sehr  erstaunt  zu. 

„Wie  kann  es  nur  mit  sovielen  Nadeln  auf  einmal 
stricken?"  dachte  sie  verwirrt.  „Es  sieht  beinahe  aus 
wie  ein  Stachelschwein." 

„Kannst  du  rudern  ?"  fragte  das  Schaf  und  reichte 
ihr  ein  paar  Stricknadeln. 

„Ja,  ein  bißchen,  aber  nicht  auf  dem  trockenen 
Lande  und  nicht  mit  Stricknadeln,"  fing  Alice  an. 
Da  verwandelten  sich  die  Stricknadeln  in  ihrer  Hand 
in  Ruder  und  sie  sah,  daß  sie  in  einem  kleinen  Boot 
saß  und  zwischen  Ufern  dahinglitt.  Da  mußte  sie  sich 
nach  Kräften  in  die  Ruder  legen. 

„Feder!"  rief  das  Schaf  und  nahm  wieder  ein  paar 
Nadeln  dazu. 

Dieser  Ausruf  schien  keiner  Antwort  zu  bedürfen. 
Alice  sagte  also  nichts  und  ruderte  weiter.  Das  Wasser 
war  sehr  sonderbar;  jeden  Augenblick  blieb  eins  der 
Ruder  stecken  und  wollte  gar  nicht  herausgehen. 

„Feder!  Feder!"  rief  das  Schaf  wieder  und  nahm 
noch  Nadeln  dazu.  „Du  wirst  gleich  einen  Krebs 
fangen." 

Einen  niedlichen  kleinen  Krebs?  Das  wäre  mir 
ganz  recht,  dachte  Alice. 

„Hast  du  mich  nicht , Feder*  sagen  hören?"  rief  das 
Schaf  und  nahm  gleich  einen  ganzen  Bund  Nadeln 
dazu. 

„Natürlich,  sehr  oft  und  sehr  laut,"  sagte  Alice. 
„Bitte,  wo  sind  die  Krebse?" 

„Im  Wasser  natürlich,"  sagte  das  Schaf  und  steckte 
sich  ein  paar  Nadeln  ins  Haar,  denn  seine  Hände 
waren  schon  ganz  voll.  „Feder,  sage  ich!" 

„Warum  sagen  Sie  denn  nur  so  oft  ,Feder*?"  fragte 
Alice  endlich  ärgerlich.    „Ich  bin  doch  kein  Vogel!" 

59 


„Oh  doch!"  sagte  das  Schaf,  „du  bist  ein 
Gänschen." 

Alice  war  beleidigt  und  so  schwiegen  sie  eineWeile. 
Das  Boot  glitt  langsam  weiter,  manchmal  zwischen 
Schilfrohr  hindurch,  so  daß  die  Ruder  noch  fester  im 
Wasser  stecken  blieben  als  sonst;  manchmal  unter 
Bäumen  hin;  aber  immer  dehnten  sich  die  gleichen 
steilen  Flußufer  neben  ihnen  aus. 

„Oh,  bitte!  dort  sind  so  schöne  Binsen!"  rief 
Alice  plötzlich  ganz  entzückt. 

„Darum  brauchst  du  mich  nicht  zu  bitten,"  sagte 
das  Schaf.  „Ich  habe  sie  nicht  hingegeben  und  werde 
sie  auch  nicht  wegnehmen." 

„Nein,  aber  ich  habe  gedacht,  wir  könnten  ein 
wenig  anhalten  und  welches  pflücken,"  bat  Alice, 
„wenn  es  Ihnen  nichts  macht,  das  Boot  ein  bißchen 
stehen  zu  lassen." 

„Wie  soll  ich  es  stehen  lassen?  Wenn  du  auf- 
hörst zu  rudern,  wird    es  von  selbst  stehen  bleiben." 

So  ließen  sie  das  Boot  eine  Strecke  gleiten,  bis 
es  sanft  in  die  wiegenden  Binsen  hineinfuhr.  Dann 
rollte  Alice  ihre  Ärmel  sorgfältig  auf  und  ihre  Arme 
gingen  tief  ins  Wasser,  um  die  Binsen  recht  tief  unten 
anzufaßen,  bevor  sie  sie  pflückte.  Für  eine  Zeit  vergaß 
Alice  das  Schaf  und  das  Strid^en,  als  sie  sich  über 
den  Bootrand  neigte  und  die  Enden  ihres  wirren 
Haares  ins  Wasser  tauchten.  Mit  glänzenden  Augen 
fing  sie  ein  Büschel  nach  den  andern  von  den 
geliebten  Binsen. 

„Ich  hoffe,  das  Boot  wird  nicht  umschlagen,"  sagte 
sie  zu  sich  selbst.  „Oh,  wie  schön  sind  diese  dort: 
aber  ich  kann  sie  nicht  erreichen."  Das  war  wirklich 
ärgerlich  (beinahe  als  ob  es  ihr  zum  Trotz  geschehe). 
Obwohl  sie   viele   schöne   Binsen  pflückte,    sah  sie, 

60 


wenn  das  Boot  weiterglitt,  immer  noch  schönere,  die 
sie  nicht  erreichen  konnte. 

„Die  schönsten  sind  immer  unerreichbar,"  sagte 
sie  endlich  mit  einem  Seufzer  über  den  Eigensinn 
der  Binsen,  die  so  weit  entfernt  wuchsen;  und  mit 
tropfnassen  Haaren  und  Händen  kroch  sie  auf  ihren 
Platz  zurück  und  fing  an,  ihre  Schätze  zu  ordnen. 

Was  lag  ihr  daran,  daß  die  Binsen  schon  anfingen  zu 
welken,  und  ihre  Schönheit  zu  verlieren  vom  Augen- 
blidc  an,  da  sie  sie  pflüdcte!  Sogar  wirkliche  Binsen 
bleiben  nur  kurze  Zeit  frisch,  und  diese  waren  ja 
Traumbinsen  und  schmolzen  beinahe  wie  Schnee  in 
Haufen  zu  ihren  Füßen  —  aber  Alice  merkte  es  kaum, 
soviel  andere  sonderbare  Dinge  gab  es  zu  sehen. 

Sie  waren  noch  nicht  viel  weiter  gekommen,  da 
saß  eines  der  Ruder  wieder  im  Wasser  fest  und  wollte 
sich  nicht  heraus  ziehen  lassen  (so  wenigstens  er- 
klärte es  Alice  nachher)  und  die  Folge  davon  war, 
daß  der  Griff  des  Ruders  sie  unter  dem  Kinn  faßte  und 
sie  trotz  Gegenwehr  und  Geschrei  vom  Sitz  hob  und 
mitten  unter  den  Binsenhaufen  fegte. 

Sie  tat  sich  aber  gar  nicht  weh  und  war  bald 
wieder  oben,  und  das  Schaf  strickte  ruhig  weiter,  als 
ob  nichts  geschehen  wäre. 

„Da  hast  du  einen  netten  Krebs  gefangen,"  sagte 
es  endlich,  als  Alice  wieder  auf  ihrem  Platz  war,  sehr 
froh,  sicher  im  Boot  zu  sitzen. 

„Wirklich?  Ich  habe  ihn  nicht  gesehen,"  sagte 
Alice  und  schaute  vorsiditig  über  den  Rand  des 
Bootes  ins  dunkle  Wasser,  da  sie  glaubte,  daß  er 
wieder  hinein  gefallen  wäre.  „Ich  möchte  sehr  gerne 
einen  kleinen  Krebs  mit  nach  Hause  nehmen." 

Aber  das  Schaf  lachte  verächtlich  und  stridcte  weiter. 

„Gibt  es  hier  viele  Krebse?"  fragte  Alice. 

„Krebse  und  alle  möglichen  anderen  Dinge,"  sagte 

61 


das  Schaf,  „sehr  viel  Auswahl.  Aber  du  mußt  dich 
nun  entscheiden.  Was  willst  du  kaufen?" 

„Kaufen?"  echote  Alice,  halb  erstaunt,  halb  er- 
schreckt, denn  das  Ruder,  das  Boot  und  der  Fluß 
waren  alle  in  einem  Augenblick  verschwunden  und  sie 
war  schon  wieder  in  dem  dunklen  kleinen  Laden. 
„Ich  möchte  gern  ein  Ei  kaufen,  bitte,"  sagte  sie 
endlich  schüchtern.  „Was  kosten  sie?" 

„Eins  kostet  zwei  Groschen,  zwei  kosten  einen 
Groschen,"  antwortete  das  Schaf. 

„Zwei  sind  also  billiger  als  eins?"  fragte  AHce 
überrascht  und  nahm  ihre  Börse  heraus. 

„Aber  du  mußt  beide  essen,  wenn  du  zwei  kaufst," 
sagte  das  Schaf. 

„Dann  will  ich  lieber  nur  eins  haben,  bitte!"  sagte 
Alice  und  legte  das  Geld  auf  den  Ladenüsch  nieder. 
Sie  dachte  bei  sich:   „Vielleicht  sind   sie  nicht  gut." 

Das  Schaf  nahm  das  Geld  und  legte  es  in  eine 
Schachtel;  dann  sagte  es:  „Ich  gebe  den  Leuten  die 
Sachen  niemals  in  die  Hand,  das  würde  sich  nicht 
schicken;  du  mußt  es  dir  selbst  nehmen."  Dabei  ging 
€s  an  das  andere  Ende  des  Ladens  und  setzte  das 
Ei  aufrecht  auf  ein  Schrankfach. 

„Warum  würde  sich  das  nicht  schicken?"  dachte 
Alice  und  tappte  sich  zwischen  den  Tischen  und 
Stühlen  hindurch,   denn  der  Laden  war  sehr   dunkel. 

„Das  Ei  scheint  immer  weiter  wegzugehen,  je  näher 
ich  hinkomme.  Ist  denn  das  ein  Sessel?  Er  hat  doch 
Zweige?  Wie  komisch,  daß  hier  Bäume  wachsen!  Und 
hier  ist  wirklich  ein  Bach!  Das  ist  der  sonderbarste 
Laden,   den  ich  je  gesehen  habe!"     —    —    —    — 

So  ging  sie  weiter  und  wunderte  sich  bei  jedem 
Schritt  mehr,  daß  alles  sich  in  einen  Baum  verwan- 
delte, in  dem  Augenblick,  da  sie  darauf  zuging.  Sie 
erwartete,  daß  das  Ei  das  gleiche  tun  würde. 

62 


VI.  K  a  p  i  t  e  1. 

Plumpsti     Bumst    i. 


Das  Ei  wurde  aber  immer  größer,  und  als  sie  nur 
mehr  ein  paar  Meter  weit  von  ihm  entfernt  stand,  sah 
sie,  daß  es  Augen  und  eine  Nase  und  einen  Mund 
hatte.  Und  als  sie  ganz  nahe  davor  stand,  merkte  sie 
deutlich,  daß  es  Plumpsti  Bumsti  selber  war.  „Es  kann 
niemand  anderer  sein,"  sagte  sie  zu  sich  selbst.  „Ich 
bin  dessen  so  sicher,  als  ob  sein  Name  auf  seinem 
Gesicht  geschrieben  stünde." 

Er  hätte  auf  diesem  großen  Gesicht  leicht  hundert- 
mal aufgeschrieben  werden  können.  Plumpsti  Bumsti 
saß  mit  gekreuzten  Beinen  wie  ein  Türke  am  Rande 
einer  hohen  Mauer  —  und  die  war  so  schmal,  daß 
Alice  nicht  begriff,  wie  er  sich  im  Gleichgewicht  er- 
halten konnte.  Da  seine  Augen  immer  in  die  entgegen- 
gesetzte Richtung  schauten  und  er  nicht  die  geringste 
Notiz  von  ihr  nahm,  glaubte  sie  schließlich,  daß  er 
nur  eine  ausgestopfte  Figur  wäre. 

„Und  wie  genau  er  einem  Ei  gleichtl"  sagte  sie  laut 
und  hielt  ihre  Hand  bereit,  ihn  aufzufangen,  denn  sie 
erwartete  jeden  Augenblick,  daß  er  herunterfallen  würde, 

„Das  ist  sehr  ärgerlich,"  sagte  Plumpsti  Bumsti 
nach  langem  Stillschweigen  und  schaute  von  Alice 
weg,  „wenn  jemand  einen  ein  Ei  nennt,  wahrhaftig." 

„Ich  sagte  nur,  daß  Sie  einem  Ei  gleichen,  mein 
Herr,"  erklärte  Alice  sanft,  „und  manche  Eier  sind 
sehr  hübsch."  fügte  sie  hinzu.  Sie  hoffte  dadurch  ihre 
Bemerkung   in   eine   Art  Kompliment  zu  verwandeln. 

„Manche  Leute,"  sagte  Plumpsti  Bumsti,  und 
schaute  wie  immer  von  ihr  weg,  „haben  nicht  mehr 
Verstand  wie  ein  Säugling." 

63 


Alice  wußte  nicht,  was  sie  dazu  sagen  sollte;  sie 
fühlte  sich  gar  nicht  getroffen,  denn  er  sagte  niemals 
etwas  zu  ihr;  seine  letzte  Bemerkung  war  sogar  offenbar 
an  einen  Baum  gerichtet.  So  stand  sie  und  murmelte 
leise  den  Kinderreim  vor  sich  hin: 

„Plumpsti  Bumsti  saß  auf  einem  Wall, 
Plumpsti  Bumsti  tat  einen  großen  Fall, 
Alle  Mannen  des  Königs  und  alle  Reiter  des  Lands 
Machen  Plumpsti  Bumsti  nimmer  wieder  ganz." 

„Schwatz  nicht  so  mit  dir  selber,"  sagte  Plumpsti 
Bumsti  und  schaute  sie  zum  erstenmal  an.  „Sag  mir 
lieber  deinen  Namen  und  Beruf." 

„Mein  Name  ist  Alice,  aber  — " 

„Das  ist  ein  recht  dummer  Name,"  unterbrach 
Plumpsti  Bumsti  ungeduldig.  „Was  bedeutet  er?" 

„Muß  denn  ein  Name  etwas  bedeuten?"  fragte 
Alice  zweifelnd. 

„Natürlich,"  sagte  Plumpsti  Bumsti  und  lachte 
kurz  auf.  „Mein  Name  bedeutet  meine  Gestalt  —  und 
es  ist  eine  sehr  schöne,  gute  Gestalt.  Mit  deinem 
Namen  könntest  du  beinahe  jede  Gestalt  haben." 

„Warum  sitzen  Sie  hier  draußen  ganz  allein?" 
fragte  Alice,  denn  sie  wollte  nicht  streiten. 

„Nun,  weil  niemand  bei  mir  isti"  rief  Plumpsti 
Bumsti.  „Hast  du  geglaubt,  ich  würde  darauf  keine 
Antwort  wissen?  Frag  etwas  anderes!" 

„Glauben  Sie  nicht,  daß  Sie  da  unten  auf  dem 
Fußboden  sicherer  wären?"  fuhr  Alice  fort,  durchaus 
nicht  in  der  Absicht,  ihm  Rätselfragen  zu  stellen, 
sondern  nur,  weil  sie  in  ihrer  Gutmütigkeit  um  das 
sonderbare  Wesen  besorgt  war.  „Diese  Mauer  ist 
gar  so  schmal." 

„Was  für  ungeheuer  leichte  Fragen  du  aufgibst!** 
gröhlte   Plumpsti  Bumsti.    „Natürlich  glaube   ich  das 

64 


nicht.  Wenn  ich  jemals  herunterfiele  —  ich  werde 
nicht  fallen  —  aber  wenn  ich  fiele,"  hier  warf  er 
die  Lippen  auf  und  schaute  so  großartig  und  feierlich 
drein,  daß  Alice  beinahe  laut  aufgelacht  hätte.  „Wenn 
ich  wirklich  fiele,  — "  fuhr  er  fort,  „dann  hat  mir  der 
König  versprochen  —  ah,  du  kannst  blaß  werden, 
wenn  du  willst!  Du  hast  dir  nicht  gedacht,  daß  ich  das 
sagen  werde,  nicht  wahr?  Der  König  hat  mir  mit 
seinem  eigenen  Munde  versprochen,  —  daß  —  daß" 

„er  alle  seine  Reiter  und  Mannen  schidcen  wird," 
unterbrach  Alice  ihn  etwas  unvorsichtig. 

„Das  ist  unerhört!"  schrie  Plumpsti  Bumsii  in 
plötzlich  ausbrechender  Wut.  „Du  hast  an  Türen  ge- 
lauscht —  und  hinter  Bäumen  —  und  durch  Rauch- 
fänge —  sonst  könntest  du  das  nicht  wissen." 

„Oh  nein,  durchaus  nicht,"  sagte  Alice  sehr  sanft, 
„es  steht  in  einem  Buch." 

„Ach  dann!  In  einem  Buch  kann  man  solche 
Sachen  schreiben,"  sagte  Plumpsti  Bumsti  ruhiger, 
„ihr  nennt  das  dann  eine  Weltgeschichte.  Nun  schau 
mich  gut  an:  ich  bin  der,  der  mit  einem  König  ge- 
sprochen hat.  Das  bin  ich!  kann  sein,  daß  du  nie- 
mals wieder  so  einen  sehen  wirst;  und  um  dir  zu 
zeigen,  daß  ich  nicht  stolz  bin,  erlaube  ich  dir,  mir 
die  Hand  zu  schütteln."  Er  grinste  von  einem  Ohr 
zum  anderen,  als  er  sich  vorbeugte  (wobei  er  um 
ein  Haar  von  der  Mauer  gefallen  wäre)  und  Alice 
seine  Hand  hinstreckte.  Sie  beobachtete  ihn  ängst- 
lich, während  sie  seine  Hand  faßte.  „Wenn  er  nur 
ein  bischen  mehr  lächelt,  müssen  sich  die  Enden 
seines  Mundes  rückwärts  treffen,"  dachte  sie  „und 
dann  weiß  ich  nicht,  was  mit  seinem  Kopf  geschieht. 
Ich  fürchte,  er  fällt  ab." 

„Ja,  alle  seine  Reiter  und  alle  seine  Mannen,"  fuhr 
Plumpsti  Bumsti    fort.    „Sie    würden    mich    in   einem 

5  '65 


Augenblick  aufheben,  jawohl!  Aber  dieses  Gespräch  geht 
ein  wenig  zu  schnell  vor  sich.  Wir  wollen  auf  die 
vorletzte  Bemerkung  zurückkommen." 

„Ich  fürchte,  ich  kann  mich  an  die  nicht  ganz  genau 
erinnern,"  sagte  Alice  sehr  höflich. 

„In  diesem  Falle  können  wir  ja  frisch  anfangen," 
sagte  Plumpsti  Bumsii,  „und  die  Reihe  ist  an  mir,  einen 
Gegenstand  zu  wählen  — "  (Er  spricht  beinahe  so 
darüber,  als  ob  das  ein  Gesellschaftsspiel  wäre, 
dachte  Alice.)  „So,  hier  ist  also  eine  Frage  an  dich. 
Wie  alt  hast  du  gesagt,  daß  du  bist?" 

Alice  stellte  eine  kurze  Berechnung  an  und  sagte : 
„Sieben  Jahre  und  sechs  Monate." 

„Falsch!"  rief  Plumpsti  Bumsti  triumphierend  aus. 
„Du  hast  nichts  dergleichen  gesagt!" 

„Ich  dachte,  Sie  meinen,  wie  alt  ich  bin  ?"  erklärte  Alice. 

„Wenn  ich  das  gemeint  hätte,  dann  hätte  ich  das 
gesagt!"  erwiderte  Plumpsti  Bumsti. 

Da  Alice  nicht  wieder  streiten  wollte,  so  sagte 
sie  nichts. 

„Sieben  Jahre  und  sechs  Monate,"  wiederholte 
Plumpsti  Bumpsti  nachdenklich.  „Das  ist  ein  sehr 
ungeschicktes  Alter.  Wenn  du  meinen  Rat  eingeholt 
hättest,  dann  hätte  ich  dir  gesagt:  ,Werde  nicht  so 
alt,  höre  mit  sieben  auf  —  aber  jetzt  ist  es  zu  spät'." 

„Ich  hole  niemals  Rat  ein  über  das  Älterwerden," 
sagte  Alice  ärgerlich. 

„Bist  du  zu  stolz  dazu?"  fragte  der  andere. 

Alice  war  über  diese  Zumutung  noch  ärgerlicher. 

„Ich  meine,"  sagte  sie,  „daß  man  gegen  das  Älter- 
werden  nichts  tun  kann." 

„Man  vielleicht  nicht,"  sagte  Plumpsti  Bumsti. 
„Du  bist  aber  doch  kein  Man,  sondern  ein  Mädchen. 
Wenn  du  es  nur  richtig  versucht  hättest,  hättest  da 
vielleicht  mit  sieben  Jahren   stehen  bleiben  können." 

66 


„Was  für  einen  schönen  Gürtel  Sie  anhaben,"  be- 
merkte Alice  plötzlich  (sie  dachte,  sie  hätten  schon 
genug  über  das  Alter  gesprochen  und  wenn  man 
wirklich  abwechselnd  Gegenstände  wählte,  dann  war 
die  Reihe  jetzt  an  ihr),  „oder  eigentlich,  ich  hätte 
sagen  sollen,  eine  schöne  Krawatte.  Nein,  ich  meine 
doch,  es  ist  ein  Gürtel.  Ich  bitte  um  Verzeihung!" 
fügte  sie  in  großer  Verlegenheit  hinzu,  dennPlumpsti 
Bumsti  schaute  sehr  beleidigt  drein  und  sie  fing  an 
zu  wünschen,  daß  sie  einen  anderen  Gegenstand  ge- 
wählt hätte.  Wenn  ich  nur  wüßte,  dachte  sie  bei 
sich,  wo  sein  Hals  und  wo  seine  Taille  ist! 

Plumpsti  Bumsti  war  offenbar  sehr  ärgerlich,  ob- 
wohl er  ein  paar  Minuten  lang  nichts  sagte.  Als  er 
wieder  sprach,  war  es  mit  einem  tiefen  Gröhlen. 

„Es  ist  sehr  verdrießlich,"  sagte  er  endlich,  „wenn 
jemand  eine  Krawatte  nicht  von  einem  Gürtel  unter- 
scheiden kann." 

„Ich  weiß,  daß  es  sehr  dumm  von  mir  ist,"  sagte 
Alice  in  einem  so  demütigen  Ton,  daß  Plumpsti 
Bumsti  versöhnt  war. 

„Es  ist  eine  Krawatte,  mein  Kind,  und  eine  sehr 
schöne,  wie  du  ganz  richtig  sagtest.  Es  ist  ein  Ge- 
schenk vom  weißen  König  und  der  weißen  Königin, 
weißt  du!" 

„Wirklich?"  sagte  Alice  sehr  vergnügt  darüber, 
daß  sie  endlich  ein  gutes  Gesprächsthema  gefunden 
hatte. 

„Ich  bekam  sie,"  fuhr  Plumpsti  Bumsti  gedanken- 
voll fort,  schlug  ein  Bein  übers  andere  und  schlang 
die  Hände  um  sein  Knie.  „Ich  bekam  sie  —  als 
Ungeburtstagsgeschenk." 

„Wie,  bitte?"  fragte  Alice  erstaunt. 

„Nun  so,"  sagte  Plumpsti  Bumsti  und  machte  die 
Gebärde  des  Überreichens. 

67 


„Ich  meine,  was  ist  ein  Ungeburtstagsgeschenk  ?" 

„Natürlich  ein  Geschenk,  daß  du  bekommst,  wenn 
du  nicht  Geburtstag  hast." 

Alice  dachte  ein  wenig  nach.  „Mir  .sind  Geburts- 
tagsgeschenke lieber,"  sagte  sie  endlich. 

„Du   weißt   nicht,   was   du   redest]"   rief  Plumpsii 
Bumpsti.  „Wieviel  Tage  hat  das  Jahr?" 
„365,"  sagte  Alice. 

„Und  wieviel  Geburtstage  hast  du?" 

„Einen." 

„Und  wenn  du  eins  von  365  abziehst,  was  bleibt 
dann?** 

„364  natürlich." 

Plumpsti  Bumsti  schaute  zweifelhaft  drein.  „Ich 
möchte  das  lieber  schriftlich  gerechnet  haben,"  sagte 
er.  Alice  mußte  lachen,  als  sie  ihr  Notizbuch  heraus- 
nahm und  ihm  die  Subtraktion  vormachte. 

365 
1 


364 


Plumpsti  Bumsti  nahm  das  Buch  und  betrachtete 
es  aufmerksam.  „Das  scheint  richtig  gerechnet  zu 
sein  — "  fing  er  an. 

„Sie  halten  es  ja  verkehrt,"  unterbrach  Alice. 

„Natürlich,"  sagte  Plumpsti  Bumsti  vergnügt,  als 
sie  es  ihm  umdrehte.  „Ich  habe  mir  gleich  gedacht, 
daß  es  ein  bißchen  sonderbar  aussieht.  Wie  gesagt, 
es  scheint  richtig  gemacht  zu  sein,  obwohl  ich  jetzt 
keine  Zeit  habe,  es  genau  durchzusehen.  —  Und  es 
zeigt,  daß  es  dreihunderlvierundsechzig  Tage  gibt,  an 
denen  du  Ungeburtstagsgeschenke  bekommen  kannst." 

„Natürlich,"  sagte  Alice. 

„Und  nur  einen  für  Geburtstagsgeschenke. 
Das  ist  ein  Ruhm  für  dich." 


68 


„Ich  weiß  nicht,  was  Sic  unter  ,Ruhm'  verstehen," 
sagte  Alice. 

Plumpsti  Bumsti  lächelte  geringschätzig. 

„Natürlich  weißt  du  das  nicht,  solange  ich  es  dir 
nicht  gesagt  habe.  Ich  meinte,  jetzt  bist  du  geschlagen." 

„Aber  ,Ruhm*  bedeutet  doch  nicht,  daß  man  ge- 
schlagen ist."  wendete  Alice  ein. 

„Wenn  ich  ein  Wort  gebrauche,"  sagte  Plumpsti 
Bumsti  ziemlich  höhnisch,  „dann  bedeutet  es  gerade 
das,  was  ich  es  bedeuten  lassen  will  —  nicht  mehr 
und  nicht  weniger." 

„Die  Frage  ist  nur,"  wendete  Alice  ein,  „ob  Sie 
Wörter  so  viele  verschiedene  Dinge  bedeuten  lassen 
könne  n." 

„Die  Frage  ist  nur,"  erwiderte  Plumpsti  Bumsti, 
„wer  der  Herr  ist  —  nur  das." 

Alice  war  viel  zu  erstaunt,  um  etwas  zu  sagen; 
so  begann  Plumpsti  Bumsti  nach  einer  Weile  wieder: 
„Manche  Wörter  sind  sehr  eigensinnig  —  besonders 
Zeitwörter.  Sie  sind  die  stolzesten.  Mit  Eigenschafts- 
wörtern kann  man  alles  machen,  mit  Zeitwörtern  nicht. 
Ich  kann  aber  mit  der  ganzen  Gesellschaft  fertig 
werden;  Undurchdringlichkeit!  das  sage  ich!" 

„Wollen  Sie  mir  nicht  sagen,  bitte,  was  das  be- 
deutet?" fragte  Alice. 

„Jetzt  sprichst  du  wie  ein  vernünftiges  Kind,"  sagte 
Plumpsti  Bumsti  und  sah  sehr  befriedigt  aus. 

„Unter  ,Undurchdringlichkeit'  verstehe  ich,  daß  wir 
über  die  Sache  genug  gesprochen  haben  und  daß  du 
jetzt  lieber  sagen  solltest,  was  du  vorhast.  Denn 
ich  glaube,  du  wirst  ja  nicht  dein  ganzes  übriges 
Leben  lang  hier  stehen  bleiben  wollen!" 

„Eine  solche  Menge  kann  man  einem  einzigen 
W^ort  zu  bedeuten  geben?"  fragte  Alice  nachdenklich. 

69 


„Wenn  ich  einem  Wort  soviel  Arbeit  aufbürde," 
sagte  Plumpsti  Bumsti,  „dann  zahle  ich  ihm  immer 
extra  dafür." 

„Aha,"  sagte  Alice.  Sie  war  viel  zu  verwirrt,  um 
etwas  anderes  zu  sagen. 

„Ja,  du  sollst  nur  sehen,  wie  sie  sich  Samstag 
Abend  um  mich  drängen,"  fuhr  Plumpsti  Bumsti  fort 
und  legte  den  Kopf  von  einer  Seite  auf  die  andere, 
„um  ihren  Wochenlohn  zu  kriegen." 

(Alice  wagte  nicht,  ihn  zu  fragen,  womit  er  sie 
bezahle;  so  kann  ich  es  dir,  lieber  Leser,  auch  nicht 
mitteilen.) 

„Sie  scheinen  sehr  tüchtig  im  Erklären  von  Worten 
zu  sein,  mein  Herr,"  sagte  Alice,  „würden  Sie  so 
freundlich  sein,  mir  zu  erklären,  was  das  Gedicht 
,]abberwock'  bedeutet?" 

„Laß  mich  hören,"  sagte  Plumpsti  Bumsti,  „ich 
kann  alle  Gedichte  erklären,  die  jemals  erfunden 
worden  sind  —  und  eine  ganze  Menge,  die  noch 
nicht  erfunden  worden  sind." 

Das  klang  sehr  hoffnungsvoll,  also  sagte  Alice 
den  ersten  Vers  auf: 

„'s  war  brühig  und  die  schlinken  Toven 
gaubten  und  scheierten  um  den  Sasen: 
Ganz  mimsig  waren  die  Borogoven 
und  die  fromden  Rathen  nasen." 

„Das  ist  genug  für  den  Anfang,"  unterbrach  Plumpsti 
Bumsti,  „da  sind  schon  eine  Menge  schwierige  Worte 
drin.  ,Brühig'  bedeutet  vier  Uhr  Nachmittag  —  näm- 
lich die  Zeit,  wenn  man  den  Tee  aufbrüht." 

„Das  paßt  sehr. gut,"  sagte  Alice,  „und  ,schlink'?" 
„Schlink   bedeutet  schlank  und    flink.    Weißt   du, 
das  ist  wie  ein  Handkoffer,  zwei  Bedeutungen  in  ein 
Wort  gepackt." 

70 


„Ach,  so  ist  das!**  bemerkte  Alice  nachdenklich, 
„und  was  sind  ,Toven'?" 

„Toven  sind  ähnlidi  wie  Dachse  —  und  ähnlich  wie 
Eidechsen  —  und  ähnlidi  wie  Korkzieher.** 

„Das  müssen  sehr  sonderbar  aussehende  Wesen 
sein." 

„Sehr  sonderbar,"  sagte  Plumpsti  Bumsti,  „sie 
bauen  ihre  Nester  unter  Sonnenuhren  und  nähren 
sidi  nur  von  Käse." 

„Und  was  heißt  , Gauben  und  scheiern'?" 

„Gauben  heißt  ringsherum  gehen,  wie  ein  Sdiraub- 
stock,  scJieiern  heißt  Lödier  scheuern,  wie  ein  Bohrer." 

„Und  der  ,Sasen'  ist  wahrscheinlidi  der  Rasenfledi 
um  die  Sonnenuhr?"  fragte  Alice,  überrascfit  von 
ihrem  eigenen  Sdiarfsinn. 

„Natürlidi.  Und  ,mimsig'  bedeutet  flimmrig  und 
zimperlich.  (Da  hast  du  noch  einen  Handkoffer.)  Und 
,Borogoven*  sind  magere,  schäbige  Vögel,  denen  die 
Federn  ringsherum  herausstehen  —  so  etwas,  wie 
lebendige  Flederwische." 

„Und  dann  die  ,fromden  Rathen'?"  fragte  Alice. 
„Verzeihen  Sie,    daß  idi  Ihnen   soviel  Mühe  madie." 

„Nun,  eine  ,Rathe*  ist  eine  Art  grünes  Schwein; 
was  ,fromd'  heißt,  weiß  idi  nicht  sidier.  Vielleidit  ist 
es  eine  Abkürzung  für  fremd  und  weit  hergekommen." 

„Und  was  heißt  ,nasen'?" 

„Nasen  ist  ein  Geräusch  zwisciien  Bellen  und 
Pfeifen,  mit  einer  Art  von  Nießen  in  der  Mitte.  Du 
wirst  dieses  Geräusch  vielleicht  in  dem  Walde  dort 
hören  —  und  wenn  du  es  einmal  gehört  hast,  wirst  du 
ganz  genug  haben.  Wer  hat  dir  denn  all  das  sdiwierige 
Zeug  vorgesagt?" 

„Idi  habe  es  in  einem  Budie  gelesen.  Aber  jemand 
hat  mir  ein  viel  leichteres  Gedicht  aufgesagt.  Idi 
glaube,  es  war  Dideldei." 

71 


„Was  Gedidite  anlangt,"  sagte  Plumpsti  Bumsti 
und  streckte  eine  seiner  großen  Hände  aus,  „idi  kann 
so  gut  wie  andere  Leute  Gedidite  aufsagen,  wenn  es 
darauf  ankommt." 

„Oh,  es  kommt  nicht  darauf  an,"  sagte  Alice 
schnell;  sie  hoffte,  ihn  zurückzuhalten. 

„Das  Stück,  das  ich  dir  aufsagen  will,"  fuhr  er 
unbekümmert  fort,  „ist  ausschließlich  zu  deiner  Unter- 
haltung geschrieben  worden..." 

Alice  fühlte,  daß  sie  in  diesem  Falle  wirklidi  zu- 
hören müsse.  So  setzte  sie  sidi  nieder  und  sagte 
ziemlidi  traurig:  „Also  bitte!" 

„„Zur  Winterszeit  bei  Schnee  und  Eis 
sing  ich  dies  Lied  auf  dein  Geheiß  — "" 

„Nur  sing  idi  es  nicht,"  fügte  er  erklärend  hinzu. 

„Das  sehe  idi,"  sagte  Alice. 

„Wenn  du  sehen  kannst,  ob  ich  singe  oder  nidit, 
dann  hast  du  sdiärfere  Augen  als  die  meisten  anderen 
Leute,"  sprach  Plumpsti  Bumsti  streng. 

Alice  schwieg  still. 

„„Im  Frühling,  wenn  die  Knospen  sprießen, 
versuch  ich,  es  dir  aufzuschließen."" 

„Besten  Dank,"  sagte  Alice. 

„„Im  Sommer,  wenn  die  Tage  lang, 
vielleicht  verstehst  du  den  Gesang. 
Im  Herbst,  wenn  Blattwerk  fällt  zuhauf, 
nimm  Tinte  und  Feder  und  schreib  es  auf."" 

„Ja,  wenn  ich  es  mir  solange  merken  kann,"  wandte 
Alice  ein. 

„Du  braudist  nidit  immer  Zwischenbemerkungen 
zu  machen,"  sagte  Plumpsti  Bumsti.  „Sie  haben 
keinen  Sinn  und  bringen  midi  aus  dem  Text." 

72 


„„Dem  Fisdi  idi  Bolschaft  senden  ließ, 
ich  sagle  ihm:  „Ich  wünsche  dies." 

Die  kleinen  Fische  Stück  für  Stück 
schickten  die  Antwort  mir  zurüde. 

Als  Antwort  wurde  mir  zu  teil: 

„Mein  Herr,  wir  können  dies  nidit,  weil..."" 

„Idi  verstehe  leider  nicht  ganz,"  sagte  Alice. 
„Später  wird   es   leiditer,"    tröstete   sie   Plumpsti 
Bumsti. 

„„Idi  sdiickte  wieder  hin:  Ihr  müßt 

mir  doch  gehordien  —  daß  Ihr's  wißt!"" 

„„Sie  sagten  mit  grinsendem  Gesicht: 
„Du  bist  heut  sdilediter  Laune,  nicht?" 

Ich  sdiickte  wieder  und  neuerlidi, 
allein  sie  hörten  nicht  auf  mich. 

Idi  nahm  einen  Kochtopf,  neu  und  groß, 
der  eignete  sich  ganz  famos. 

Mein  Herz  zersprang  fast  vor  Geklopf, 
als  ich  mit  Wasser  füllte  den  Topf. 

Da  kam  zu  mir  eine  Hilfsperson: 
„Die  kleinen  Fisdie  schlafen  schon." 

Ich  sagte  klipp  und  klar  darauf: 
„Dann  weck  sie  eben  wieder  auf." 

Idi  sagte  es  laut  und  deutlidi  hin 
Und  hab  es  ihr  ins  Ohr  gesdirien." 

Plumpsti  Bumsti   erhob   seine  Stimme  beinahe  zu 
einem  Gebrüll,  während  er  diesen  Vers  spradi,   und 

73 


Alice    dachte    schaudernd:    „Idi   mödite    um    keinen 
Preis  die  Hilfsperson  gewesen  sein." 

„„Mit  steifem  Halse  sah  sie  drein 

und  spradi:  „Sie  brauchen  nicht  so  zu  schreinl" 

So  stand  sie  dort  mit  steifem  Hals 

und  sprach:  „Ich  würde  sie  wecken,  falls " 

Da  brachte  idti  den  Kochtopf  herauf 
und  spracii:  „Ich  weck  sie  selber  auf." 

Und  als  ich  das  Tor  verschlossen  fandf 
pociit  ich  und  rüttelte  mit  der  Hand; 

da  blieb  das  Tor  verschlossen  nocii, 

idti  drückte  die  Klinke  nieder,  jedoch  — "" 

Es  folgte  eine  lange  Pause. 

„Ist  das  alles?"  fragte  Alice  schüchtern. 

„Das  ist  alles,"  sagte  Plumpsti  Bumsti.  „Lebewohl!" 

Das  schien  Alice  ziemlich  plötzlich  zu  kommen; 
aber  nach  einem  so  deutlichen  Wink,  daß  sie  gehen 
sollte,  wäre  es  unhöflich  gewesen,  noch  da  zu  bleiben. 
So  stand  sie  auf  und  hielt  ihm  die  Hand  hin. 

„Auf  Wiedersehen!"  sagte  sie,  so  fröhlich  sie 
konnte. 

„Ich  würde  dich  niciit  wieder  erkennen,  falls  wir 
uns  wiedersehen  sollten,"  gab  Plumpsti  Bumsti  ver- 
drießlich zurück  und  reichte  ihr  einen  Finger.  „Du 
siehst  genau  so  aus  wie  andere  Leute." 

„Der  Unterschied  ist  gewöhnlicii  im  Gesicht,"  meinte 
Alice  nachdenklicii. 

„Das  ist  ja  gerade  das  Dumme,"  erklärte  Plumpsti 
Bumsti.  „Du  hast  genau  so  ein  Gesiciit  wie  alle 
Leute  —  die  zwei  Augen  so  — "  (er  bezeichnete  ihren 

74 


Platz  in  der  Luft  mit  dem  Daumen),  „die  Nase  in 
der  Mitte,  der  Mund  darunter;  es  ist  immer  dasselbe. 
Wenn  du  zum  Beispiel  wenigstens  die  zwei  Augen 
auf  derselben  Seite  der  Nase  hättest,  oder  den  Mund 
darüber  —  das  wäre  ein  bißchen  besser." 

„Das  wäre  aber  nidit  hübsdi,"  wandte  Alice  ein. 
Aber  Plumpsti  Bumsti  sdiloß  nur  die  Augen  und 
sagte:  „Warte,  bis  du  es  probiert  hast" 

Alice  wartete  noch  eine  Weile,  ob  er  wieder 
sprechen  würde,  aber  da  er  weder  die  Augen  öffnete, 
nodi  sonst  weiter  von  ihr  Notiz  nahm,  sagte  sie  nodi 
einmal  „Guten  Tag",  und  als  sie  darauf  keine  Ant- 
wort erhielt,  ging  sie  ruhig  fort.  Aber  sie  konnte  nidit 
umhin,  im  Gehen  vor  sich  hin  zu  sagen:  „Von  allen 
unbefriedigenden"  (sie  wiederholte  das  laut,  denn 
es  war  ein  großer  Trost  für  sie,  ein  so  langes  Wort 
auszusprechen),  „von  allen  unbefriedigenden  Leuten, 
die  ich  je  getroffen  habe"  —  sie  brachte  den  Satz 
niemals  zu  Ende,  denn  in  diesem  Augenblick  er- 
schütterte ein  heftiger  Kradi  den  Wald  von  einem 
Ende  bis  zum  andern. 


75 


VII.  Kapitel. 

Der    Löwe    und    das    Einhorn. 


Im  nädisten  Augenblick  kamen  Soldaten  durch  den 
Wald  gerannt,  zuerst  in  Zweier-  und  Dreier-Reihen, 
dann  zu  zehn  oder  zwanzig,  und  schließlich  in  solchen 
Mengen,  daß  sie  den  ganzen  Wald  zu  füllen  schienen 

Alice   sprang   hinter   einen   Baum,   um  nicht  über 
rannt  zu  werden,  und  sah  zu,  wie  sie  vorüber  liefen 

Sie  meinte,  in  ihrem  Leben  niemals  Soldaten  ge 
sehen  zu  haben,  die  so  unsicher  auf  den  Füßen  waren 
Sie  stolperten  immer  über  irgend  etwas,  und  wenn 
einer  niederfiel,  fielen  stets  mehrere  über  ihn,  so 
daß  der  Boden  bald  mit  kleinen  Soldatenhaufen  be- 
bedeckt war. 

Dann  kamen  die  Reiter.  Da  sie  auf  vier  Füßen  kamen, 
hielten  sie  sich  besser  aufredit  als  die  Fußtruppen, 
aber  sogar  sie  stolperten  ab  und  zu,  und  es  sdiien 
eine  Regel  zu  sein,  daß  der  Reiter  des  Pferdes,  das 
stolperte,  sofort  herunterfiel.  Jeden  Augenblick  wurde 
die  Verwirrung  sciilimmer  und  Alice  war  sehr  froh, 
aus  dem  Walde  auf  einen  offenen  Platz  zu  kommen, 
wo  der  weiße  König  auf  dem  Boden  saß  und  eifrig 
in  sein  Notizbuch  sciirieb. 

„Ich  habe  sie  alle  gesciiickt!"  rief  der  König  ent- 
zückt aus,  als  er  Alice  sah.  „Hast  du  zufällig  Soldaten 
getroffen,  mein  Kind,  als  du  durch  den  Wald  gingst?" 

„Jawohl,"  sagte  Alice,  „einige  tausend,  glaube  ich." 

„Viertausendzweihundertsieben,  das  ist  die  genaue 
Anzahl,"  sagte  der  König,  in  sein  Buch  sciiauend.  „Ich 
habe  niciit  alle  Ritter  senden  können,  weil  idi  zwei 
im  Spiel  brauche ;  und  die  zwei  Läufer  habe  ich  auch 
nicht  gesciiickt;  sie  sind  beide  in  die  Stadt  gegangen. 

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Bitte,  schau  mal  die  Straße  hinunter  und  sag  mir,  ob 
du  einen  von  ihnen  siehst." 

„Ich  sehe  niemand  auf  der  Straße,"  erklärte  Alice. 

„Wenn  ich  nur  auch  solche  Augen  hätte!"  sagte  der 
König  betrübt.  „Niemand  sehen  zu  können,  und  nocii 
dazu  auf  diese  Entfernung!  In  diesem  Licht  muß  ich  mich 
anstrengen,  soviel  icii  kann,  um  jemand  zu  sehen!" 

Alice  schaute  nodi  immer,  eine  Hand  über  die  Augen, 
gespannt  die  Straße  hinunter.  „Jetzt  sehe  ich  jemand!" 
rief  sie  endlicii  aus.  „Aber  er  kommt  sehr  langsam. 
Und  was  für  komisciie  Bewegungen  er  maciit!"  (Denn 
der  Läufer  hüpfte  fortwährend  herum  und  wand  sicii 
beim  Gehen  wie  ein  Aal.  Dabei  hielt  er  seine  großen 
Hände  zu  beiden  Seiten  wie  die  Fäciier  ausgebreitet.) 

„Durcfiaus  nicht,"  sagte  der  König.  „Es  ist  ein  alt- 
deutscher Läufer  —  und  das  sind  altdeutsciie  Be- 
wegungen. Er  macht  sie  nur,  wenn  er  hociibeglückt 
ist;  er  heißt  Hasius." 

„Ich  liebe  ihn  mit  einem  H,"  begann  Alice  plötzlicii 
ein  beliebtes  Gesellsciiaftsspiel,  „weil  er  hochbeglückt 
ist.  Ich  hasse  ihn  mit  einem  H,  weil  er  häßlicii  ist. 
Ich  füttere  ihn  mit  Hühnerpasteten  und  Heu.  Er  heißt 
Hasius  und  wohnt  — " 

„Er  wohnt  auf  der  Höhe,"  sagte  der  König  einfacii, 
ohne  zu  ahnen,  daß  er  mitspielte,  während  Alice  nodi 
über  eine  mit  H  beginnende  Stadt  naciidaciite.  „Der 
andere  Läufer  heißt  Hutmaciierius.  Idi  brauciie  zwei, 
zum  Kommen  und  Gehen.  Einer  muß  kommen  und 
einer  muß  gehen." 

„Warum  muß  einer  kommen  und  einer  gehen?" 
fragte  Alice. 

„Hab  ich  dir's  denn  nicht  gesagt?"  wiederholte 
der  König  ungeduldig.  „Zum  Holen  und  zum  Tragen, 
einer  muß  holen,  einer  muß  tragen." 

77 


In  diesem  Augenblidc  kam  der  Läufer  an.  Er  war 
zu  atemlos,  um  ein  Wort  zu  sprechen.  Er  konnte  nur 
die  Hände  schwingen  und  dem  armen  König  die 
fürchterlichsten  Grimassen  schneiden.  „Diese  junge 
Dame  liebt  didi  mit  einem  H,"  sagte  der  König  und 
stellte  Alice  vor,  in  der  Hoffnung,  die  Aufmerksamkeit 
des  Läufers  von  sidi  abzuziehen.  Aber  es  war  ganz  um- 
sonst —  die  altdeutschen  Bewegungen  wurden  jeden 
Augenblick  sonderbarer  und  die  großen  Augen  rollten 
von  einer  Seite  auf  die  andere. 

„Du  regst  mich  aufl"  sagte  der  König.  „Mir  wird 
schlecht.  —  Gib  mir  eine  Hühnerpastete!" 

Darauf  nahm  der  Läufer  zu  Alicens  großer  Be- 
lustigung aus  einer  Tasche,  die  er  um  den  Hals 
hängen  hatte,  eine  Hühnerpastete  und  übergab  sie 
dem  König,  der  sie  gierig  versdilang. 

„Nodi  eine  Pastete!"  sagte  der  König. 

„Es  ist  nur  noch  Heu  da,"  sagte  der  Läufer,  mit 
einem  Blick  in  die  Tasche. 

„Dann  also  Heu,"  murmelte  der  König  mit  schwacher 
Stimme. 

Alice  freute  sich,  zu  sehen,  daß  es  ihn  neu  belebte. 

„Nichts  ist  so  gut  wie  Heu,  wenn  man  fürditet,  in 
Ohnmacht  zu  fallen,"  sagte  er  zu  ihr,  während  er 
schmatzend  kaute. 

„Ich  glaube,  kaltes  Wasser  zum  Übergießen  wäre 
noch  besser,"  meinte  Alice,  „oder  Riechsalz." 

„Ich  habe  ja  nicht  gesagt,  daß  es  nichts  Besseres 
gibt,"  antwortete  der  König.  „Ich  sagte  nur,  daß  nichts 
so  gut  ist."  Das  konnte  Alice  nicht  leugnen. 

„An  wem  bist  du  auf  der  Straße  vorübergegangen?" 
fragte  der  König  und  hielt  dem  Läufer  die  Hand  hin, 
um  noch  Heu  zu  bekommen. 

„An  niemand,"  sagte  der  Läufer. 

78 


„Aha,"  sagte  der  König,  „diese  junge  Dame  hat 
ihn  gesehen.  Niemand  geht  natürlich  langsamer 
als  du." 

„Ich  tue  mein  Bestes,"  sagte  der  Läufer  verdrieß- 
lidi.  „Sohin  geht  niemand  schneller  als  idi." 

„Natürlidi  nicht!"  sagte  der  König.  „Sonst  hätte 
er  ja  zuerst  da  sein  müssen.  Wenn  du  aber  deinen 
Atem  wieder  hast,  mußt  du  uns  erzählen,  was  in  der 
Stadt  vorgefallen  ist." 

„Ich  will  es  Ihnen  zuflüstern,"  sagte  der  Läufer 
und  legte  die  Hand  an  den  Mund,  verfertigte  daraus 
eine  Trompete  und  beugte  sidi,  so  nah  er  konnte, 
zum  Ohr  des  Königs.  Alice  tat  dies  leid,  denn  sie 
wollte  die  Neuigkeiten  audi  hören.  Statt  aber  zu 
flüstern,  brüllte  er  so  laut  er  konnte :  „Sie  sind  sdion 
wieder  dabeil" 

„Nennst  du  das  ein  Flüstern?"  schrie  der  König, 
sprang  auf  und  schüttelte  sidi.  „Wenn  du  so  etwas 
wieder  tust,  dann  lasse  idi  dich  beizen!  Es  ging  durdi 
meinen  Kopf  durch  und  durdi,  wie  ein  Erdbeben." 

Das  wäre  aber  ein  sehr  winziges  Erdbeben  ge- 
wesen, dachte  Alice.  „Wer  ist  wieder  dabei?"  wagte 
sie  zu  fragen. 

„Nun,  natürlidi  der  Löwe  und  das  Einhorn,"  sagte 
der  König. 

„Streiten  sie  um  die  Krone?"  fragte  Alice. 

„Natürlidi,"  sagte  der  König.  „Und  der  größte 
Spaß  ist,  daß  es  die  ganze  Zeit  um  meine  Krone 
geht.  Wir  wollen  laufen  und  zusehen." 

Und  sie  galoppierten  davon,  während  Alice  im 
Laufen  die  Worte  des  alten  Kinderliedes  vor  sidi 
hinsang: 

„Der  Löwe  mit  dem  Einhorn  um  die  Kron^  gestritten  hat; 
Der  Löwe  schlug  das  Einhorn  rings  um  die  ganze  Stadt» 

79 


Man  gab  ihnen  Schwarz-  und  Weißbrot,  da  wurden  sie 

beide  satt, 

Dann  gab  man  ihnen  Bischofsbrot  und  trommelte  sie 

aus  der  Stadt." 

„Bekommt  —  der  —  der  gewinnt  —  die  Krone?" 

fragte  sie,  atemlos  vom  Laufen. 

„Oh  nein,"  sagte  der  König,    „was  fällt  dir  ein?" 
„Willst  du  die  Güte  haben,"  keuchte  Alice,  „eine 

Minute  aufzuhalten,  bis  ich  meinen  Atem  wieder  habe?" 

„Die  Güte  hätte  ich  schon,"  sagte  der  König,  „aber 
nicht  die  Kraft.  Eine  Minute  läuft  so  entsetzlich  schnell, 
man  könnte  gerade  so  gut  eine  Banderschlange  auf- 
halten wollen." 

Alice  hatte  keinen  Atem  mehr  zum  Spredien,  also 
galoppierte  sie  schweigend  weiter,  bis  sie  eine  große 
Menschenmenge  vor  sich  sah,  in  deren  Mitte  der 
Löwe  und  das  Einhorn  kämpften.  Sie  waren  von  einer 
so  dichten  Staubwolke  eingehüllt,  daß  Alice  sie  zuerst 
nicht  unterscheiden  konnte;  aber  sdiließlidi  erkannte 
sie  das  Einhorn  an  seinem  Hörn.  Sie  stellten  sich 
dicht  neben  Hutmacherius,  den  zweiten  Läufer,  der 
mit  einer  Tasse  Tee  in  der  einen  und  einem  Butter- 
brot in  der  andern  Hand  dem  Zweikampf  zuschaute. 

„Er  ist  gerade  aus  dem  Gefängnis  gekommen  und 
war  mit  seiner  Jause  nicht  fertig  geworden,  als  er  hinein- 
ging," flüsterte  Hasius  Alice  ins  Ohr,  „und  im  Ge- 
fängnis bekommen  sie  nur  Austernschalen,  darum  ist 
er  so  hungrig  und  durstig.  Wie  geht  es  dir,  mein 
liebes  Kind?"  fuhr  er  fort  und  legte  zärtlidi  seinen 
Arm  um  Hutmacherius*  Hals. 

Hutmacherius  schaute  umher  und  aß  sein  Butterbrot. 

„Ist  es  dir  im  Gefängnis  gut  gegangen,  liebes 
Kind?"   fragte   Hasius.    Hutmacherius  schaute  wieder 

80 


umher  und  diesmal  liefen  ihm  ein  paar  Tränen  über 
die  Wangen,  aber  er  sagte  kein  Wort. 

„Kannst  du  nidit  spredien?"  schrie  Hasius  un- 
geduldig. Aber  Hutmacherius  kaute  und  sdimatzte 
weiter  und  trank  wieder  Tee. 

„Willst  du  nidit  spredien?"  rief  der  König.  „Wie 
geht's  denn  vorwärts  mit  dem  Zweikampf?" 

Hutmadierius  madite  eine  verzweifelte  Anstrengung 
und  schludcte  ein  großes  Stüdc  Butterbrot.  „Es  geht 
sehr  gut  vorwärts,"  sagte  er  mit  erstickter  Stimme. 
^Jeder  von  ihnen  ist  schon  ungefähr  siebenundaditzig- 
mal  auf  dem  Boden  gelegen." 

„Dann  werden  sie  wohl  bald  das  Weißbrot  und 
das  Sdiwarzbrot  bringen?"  wagte  Alice  zu  bemerken. 

„Es  wartet  sdion  auf  sie,"  sagte  Hutmacherius. 
^Das,  was  idi  esse,  ist  sdion  ein  Siüdk.  davon."  Gerade  in 
diesem  Augenblick  wurde  der  Zweikampf  unterbrochen, 
und  der  Löwe  und  das  Einhorn  setzten  sidi  keuchend 
nieder,  während  der  König  ausrief:  „Zehn  Minuten  Pause 
für  Erfrisdiungen."  Hasius  und  Hutmadierius  fingen  gleich 
an,  Körbe  mit  Weißbrot  und  Sciiwarzbrot  herumzutragen. 
Alice  nahm  davon  und  kostete,  fand  es  aber  sehr  trodten. 

„Idi  glaube,  heute  werden  sie  nidit  mehr  kämpfen," 
sagte  der  König  zu  Hutmacherius.  „Geh  und  sage, 
daß  sie  mit  dem  Trommeln  anfangen  sollen!" 

Hutmacherius   sprang   davon   wie   ein   Grashüpfer. 

Eine  Weile  stand  Alice  still  und  sah  ihm  zu. 
Plötzlich  hellte  sidi  ihr  Gesicht  auf.  „Sehen  Sie  nur," 
rief  sie  und  zeigte  eifrig  mit  dem  Finger;  „dort  läuft 
die  weiße  Königin  querüber,  sie  ist  gerade  aus  dem 
Walde  dort  drüben  herausgeflogen.  Wie  sdmell  diese 
Königinnen  laufen  können!" 

„Wahrsdieinlicii  ist  ein  Feind  hinter  ihr,"  sagte 
der  König,  ohne  sidi  auch  nur  umzudrehen,  „dieser 
Wald  ist  voll  von  Feinden." 

js  81 


„Wollen  Sie  nidit  hinlaufen  und  ihr  helfen?** 
fragte  Alice,  sehr  überrasdit,  daß  er  die  Sadie  so 
ruhig  aufnahm. 

„Nützt  nichts,  nützt  nichts,"  sagte  der  König.  „Sie 
läuft  so  furchtbar  schnell;  du  könntest  ebensogut  ver- 
sudien,  eine  Bandersdilange  einzuholen . . .  Aber  wenn 
du  willst,  werde  idi  es  mir  ins  Notizbuch  schreiben 
—  sie  ist  ein  lieber  Kerl  — "  wiederholte  er  leise, 
während  er  sein  Notizbuch  aufmadite.  „Schreibt  man 
Kerl  mit  Doppel-r — ?" 

In  diesem  Augenblick  sdilenderte  das  Einhorn  an 
ihnen  vorüber,  die  Hände  in  den  Taschen.  „Diesmal 
habe  ich  gewonnen,  nidit  wahr?"  sagte  es  zum  König 
und  warf  ihm  im  Vorübergehen  einen  Blick  zu. 

„Ein  bißdien,  ein  bißdien,"  antwortete  der  König 
nervös.  „Du  hättest  ihn  aber  nicht  mit  deinem  Hörn 
stechen  dürfen." 

„Es  hat  ihm  nidit  weh  getan,"  sagte  das  Einhorn 
gleidigültig  und  wollte  weitergehen.  Da  fiel  sein  Auge 
zufällig  auf  Alice.  Sofort  drehte  es  sich  um,  stand  eine 
Zeitlang  vor  ihr  und  sah  sie  mit  tiefstem  Absdieu  an. 

„Was  ist  das?"  sagte  es  endlidi. 

„Das  ist  ein  Kind!"  antwortete  Hasius  eifrig  und 
trat  vor  Alice,  um  sie  vorzustellen,  indem  er  beide 
Hände  in  altdeutscher  Bewegung  vor  ihr  ausbreitete. 
„Wir  haben  es  heute  gefunden,  es  ist  lebensgroß 
und  ungewöhnlich  natürlich!" 

„Idi  habe  immer  geglaubt,  daß  das  Fabeltiere 
sind,"  sagte  das  Einhorn.    „Ist  dieses  da  lebendig?" 

„Es  kann  spredien!"  sagte  Hasius  feierlich. 

Das  Einhorn  schaute  Alice  traumverloren  an  und 
sagte:  „Sprich,  Kind!" 

Alicens  Lippen  kräuselten  sich  zu  einem  Lächeln 
und   sie   fing   an:    „Wißt   ihr,    daß    idi    auch   immer 

82 


geglaubt  habe,  daß  Einhörner  Fabeltiere  sind?  Idi 
habe  niemals  früher  ein  lebendiges  gesehen." 

„Nun,  jetzt,  da  wir  uns  gesehen  haben,  wirst  du 
an  midi  glauben  und  ich  an  didi,"  sagte  das  Einhorn. 
„Abgemacht?" 

„Ja,  gerne,"  sagte  Alice. 

„Ich  bitte  um  das  Bisdiofsbrot,  Alter!"  fuhr  das 
Einhorn  fort  und  wandte  sidi  dem  König  zu.  „Idi  mag 
kein  Sdiwarzbrot!" 

„Natürlidi  —  natürlidil"  murmelte  der  König  und 
winkte  Hasius  heran.  „Mach  die  Tasdie  auf!"  flüsterte 
er.  „Schnell  —  schnell!  Nidit  die  da,  die  ist  voll  Heu!" 

Hasius  nahm  ein  großes  Bischofsbrot  aus  der 
Tasdie  und  gab  es  Alice  zum  Halten,  während  er 
eine  Sdiüssel  und  ein  Messer  herausnahm.  Wie  es 
möglidi  war,  dies  alles  aus  der  Tasche  zu  ziehen, 
war  Alice  unverständlidi ;  es  sah  sidi  gerade  so  an 
wie  ein  Zauberkunststück. 

Der  Löwe  war  inzwisdien  zu  ihnen  getreten.  Er  sah 
sehr  müde  und  schläfrig  aus  und  seine  Augen  waren 
halb  gesdilossen.  „Was  ist  denn  das?"  fragte  er  und 
blinzelte  Alice  an.  Er  sprach  mit  einer  tiefen,  hohlen 
Stimme,  die  klang  wie  das  Geläute  einer  großen  Glocke. 

„Ja,  was  ist  das  wohl?"  rief  das  Einhorn  eifrig. 
„Das  wirst  du  nie  erraten!  Idi  habe  es  audi  nicht 
erraten  können." 

Der  Löwe  sah  Alice  müde  an.  „Bist  du  ein  Tier 
—  oder  eine  Pflanze  —  oder  ein  Mineral  ?"  fragte  er, 
bei  jedem  Wort  gähnend. 

„Es  ist  ein  Fabeltier!"  schrie  das  Einhorn,  bevor 
Alice  antworten  konnte. 

„Also  bitte,  Fabeltier,  reiche  das  Bischofsbrot 
herum!"  rief  der  Löwe,  legte  sidi  nieder,  siredtte 
sich  und  legte  das  Kinn  auf  seine  Pfote.  „Setzt  eudi 

83 


beide  nieder,"  sagte  er  zum  König  und  zum  Einhorn; 
„das  Bischofsbrot  muß  gerecht  verteilt  werden!" 

Der  König  fühlte  sidi  offenbar  sehr  unbehaglich, 
-weil  er  zwischen  den  zwei  großen  Tieren  sich  nieder- 
setzen mußte,  aber  er  hatte  keinen  anderen  Platz. 

„Jetzt  könnten  wir  aber  fein  um  die  Krone  kämpfen!" 
sagte  das  Einhorn  und  sdiaute  zwinkernd  die  Krone 
an,  die  der  arme  König  vor  lauter  Zittern  beinahe 
vom  Kopf  heruntersdiüttelte. 

„Ich  würde  mit  Leichtigkeit  gewinnen,"  sagte  der 
Löwe. 

„Dessen  bin  ich  nidit  so  sicher!"  sagte  das  Ein- 
horn. 

„Was?  Ich  habe  dich  doch  rings  um  die  ganze 
Stadt  geschlagen,  du  Hühnchen!"  antwortete  der  Löwe 
ärgerlich  und  erhob  sich  halb. 

„Adi,"  unterbradi  der  König,  damit  der  Kampf 
nidit  wieder  anfange.  Er  war  sehr  nervös  und  seine 
Stimme  bebte.  „Ringsum  die  ganze  Stadt,  das  ist  ein 
weiter  Weg.  Sind  Sie  über  die  alte  Brüdie  oder  über 
den  Marktplatz  gegangen?  Die  sdiönste  Aussidit  hat 
man  von  der  alten  Brüdce." 

„Ich  weiß  es  wirklich  nicht,"  gröhlte  der  Löwe  und 
legte  sich  wieder  nieder.  „Es  war  zuviel  Staub,  man 
konnte  nichts  sehen.  Wie  lang  dieses  Fabeltier  braucht, 
um  das  Bisdiofsbrot  zu  zersdineiden!" 

Alice  hatte  sidi  ans  Ufer  eines  kleinen  Baches 
gesetzt,  hielt  die  Schüssel  auf  den  Knieen  und  be- 
mühte sich,  mit  dem  Messer  das  Bischofsbrot  durch- 
zusägen. 

„Es  ist  sehr  ärgerlich,"  gab  sie  dem  Löwen  zur 
Antwort  (denn  sie  war  schon  daran  gewöhnt,  Fabel- 
tier genannt  zu  werden).  „Idi  habe  mehrere  Stüdce 
geschnitten,  aber  sie  sdiließen  sidi  immer  wieder 
zusammen !" 


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„Du  weißt  eben  Spiegelglas-Bisdiofsbrot  nidit  zu 
behandeln,"  bemerkte  das  Einhorn.  „Man  muß  es  zu- 
erst herumreidien  und  nachher  schneiden." 

Das  klang  unsinnig,  aber  Alice  stand  gehorsam 
auf  und  reidite  die  Sdiüssel  herum  und  das  Bisdiofs- 
brot   teilte   sidi    in    drei  Teile,   während   sie    das   tat. 

„So,  jetzt  mußt  du  es  schneiden,"  sagte  der  Löwe, 
als  sie  mit  der  leeren  Schüssel  an  ihren  Platz  zu- 
rückkam. 

„Das  war  nidit  gerecht  geteilt!"  schrie  das  Ein- 
horn, als  Alice  mit  dem  Messer  in  der  Hand  dasaß 
und  nicht  wußte,  was  sie  anfangen  sollte.  „Das  Fabel- 
tier hat  dem  Löwen  zweimal  soviel  gegeben  wie  mir!" 

„Dafür  hat  es  aber  sich  selber  niciits  behalten," 
sagte  der  Löwe.  „Hast  du  gerne  Bisdiofsbrot,  Fabel- 
tier?" 

Aber  ehe  Alice  ihm  antworten  konnte,  begann  der 
Trommelwirbel.  Wo  der  Lärm  herkam,  konnte  sie 
nicht  herausbringen,  aber  die  Luft  sdiien  davon  ganz 
erfüllt,  und  er  drang  ihr  durdi  den  Kopf,  bis  sie 
meinte,  taub  zu  sein.  Sie  sprang  auf  und  übersetzte 
voll  Sdiredcen  den  kleinen  Badi     —    —    —    —    — 


und  hatte  gerade  noch  Zeit  zu  sehen,  wie  der  Löwe 
und  das  Einhorn  aufsprangen,  zornig  über  die  Unter- 
brechung ihrer  Mahlzeit,  dann  fiel  sie  in  die  Knie, 
hielt  ihre  Hand  über  die  Ohren  und  versuchte  ver- 
geblich den  entsetzliciien  Lärm  abzuhalten.  „Wenn  sie 
das  niciit  aus  der  Stadt  trommelt,"  daciite  sie  bei  sidi, 
„dann  wird  man  sie  nie  hinausbringen." 


85 


VIIL  Kapitel. 

„Es  ist  meine   eigene  Erfindung**. 


Nach  einer  Weile  sdiien  der  Lärm  allmählich 
schwädier  zu  werden,  bis  es  totenstill  war.  Als  Alice 
beunruhigt  den  Kopf  hob,  war  niemand  zu  sehen.  Ihr 
erster  Gedanke  war,  daß  sie  vom  Löwen  und  vom 
Einhorn  und  von  den  sonderbaren  altdeutschen  Läufern 
geträumt  haben  müsse.  Aber  zu  ihren  Füssen  lag 
nodi  die  große  Schüssel,  auf  der  sie  versudit  hatte, 
das  Bischofsbrot  zu  zerschneiden.  „So  habe  ich  also 
doch  nidit  geträumt,"  sagte  sie  zu  sich  selbst,  „wenn 
wir  nicht  etwa  alle  Teile  desselben  Traumes  sind. 
Ich  hoffe  aber,  daß  es  mein  Traum  ist  und  nicht 
der  des  schwarzen  Königs.  Ich  möchte  nicht  gerne 
eine  Traumgestalt  einer  anderen  Person  sein!"  fuhr 
sie  klagend  fort.  „Idti  habe  große  Lust,  hinzu- 
gehen und  ihn  aufzuwecicen,  damit  ich  sehe,  was 
gesciiieht!" 

In  diesem  Augenblick  wurde  sie  in  ihren  Gedanken 
unterbrociien  durcii  einen  lauten  Ruf:  „Ahoi,  ahoi, 
Sdiachl"  und  ein  Ritter,  in  sciiwarze  Uniform  gekleidet, 
kam  auf  sie  losgaloppiert  und  schwang  eine  große 
Keule.  Gerade  als  er  sie  erreiciit  hatte,  stand  das 
Pferd  plötzlich  stilL  „Du  bist  mein  Gefangener!**  rief 
der  Ritter,  während  er  vom  Pferde  fiel. 

Erschrocken,  wie  sie  war,  hatte  doch  Alice  in 
diesem  Augenblicke  mehr  Angst  für  ihn,  als  für  sich 
selber,  und  beobachtete  in  ängstlich,  wie  er  auf  das 
Pferd  stieg.  Als  er  wieder  fest  im  Sattel  saß,  fing  er 
neuerdings  an:  „Du  bist  mein  — ",  aber  hier  fiel  eine 
andere  Stimme  ein:  „Ahoi,  ahoi,  Schach!"  und  Alice 
schaute   sicii  überrascht   nach   dem  neuen  Feind  um. 


86 


Diesmal  war  es  ein  weißer  Ritter.  Er  hielt  neben 
Alice  an  und  fiel  gerade  so  vom  Pferde,  wie  der 
sdiwarze  Ritter  gefallen  war.  Dann  stieg  er  wieder 
auf  und  die  beiden  Ritter  saßen  da  und  schauten 
einander  eine  Zeitlang  wortlos  an.  Alice  blidite  in 
einiger  Verwirrung  von  einem  zum  andern. 

„Sie  ist  mein  Gefangener!"  sagte  der  sdiwarze 
Ritter  endlidi. 

„Ja,  aber  dann  bin  idi  gekommen  und  habe  sie 
gerettet, **  antwortete  der  weiße  Ritter 

„Dann  müssen  wir  also  um  sie  kämpfen,"  sagte 
der  sdiwarze  Ritter,  nahm  seinen  Helm  (der  vom 
Sattel  herunterhing  und  die  Form  eines  Pferdekopfes 
hatte)  und  setzte  ihn  auf. 

„Du  wirst  natürlidi  die  Kampfregeln  beobaditen,* 
bemerkte  der  weiße  Ritter  und  setzte  audi  seinen 
Helm  auf. 

„Das  tue  idi  immer,"  sagte  der  sdiwarze  Ritter 
und  sie  fingen  an,  mit  soldier  Wudit  aufeinander 
loszusdilagen,  daß  Alice  hinter  einen  Baum  sprang, 
um  aus  dem  Bereidi  ihrer  Sdiläge  zu  kommen. 

„Was  können  nur  die  Regeln  des  Kampfes  sein?" 
fragte  sie  sidi  selbst,  während  sie  ängstlidi  aus  ihrem 
Verstedc  hervor  dem  Kampf  zusdiaute.  „Eine  Regel 
sdieint  zu  sein,  daß,  wenn  ein  Ritter  den  andern 
trifft,  er  ihn  vom  Pferde  sdilägt;  und  wenn  er  ihn 
nidit  trifft,  fällt  er  selber  herunter.  Eine  zweite  Regel 
sdieint  zu  sein,  daß  sie  ihre  Keulen  mit  den  Armen 
halten,  als  ob  sie  in  einem  Kasperltheater  wären.  — 
Was  sie  für  einen  Lärm  madien,  wenn  sie  herunter- 
fallen! Gerade  als  ob  eine  ganze  Menge  Sdiürhaken 
in  den  Kaminvorsatz  fielen!  Und  wie  ruhig  die  Pferde 
sind!  Sie  lassen  sie  hinauf  und  herunter,  als  ob  es 
Tisdie  wären!" 


87 


Eine  weitere  Kampfregel  schien  zu  sein,  daß  sie 
immer  auf  den  Kopf  fallen  mußten;  die  Schlacht 
endete  damit,  daß  sie  beide  nebeneinander  auf  diese 
Weise  herunterfielen.  Als  sie  wieder  aufstanden, 
schüttelten  sie  einander  die  Hände,  dann  stieg  der 
schwarze  Ritter  auf  und  galoppierte  davon. 

„Es  war  ein  glänzender  Sieg,  nicht  wahr?"  keuchte 
der  weiße  Ritter  im  Herankommen. 

„Ich  weiß  es  nicht,"  entgegnete  Alice  zweifelnd. 
„Idi  will  niemandes  Gefangener  sein.  Idi  will  eine 
Königin  sein." 

„Das  wirst  du  sein,  wenn  du  den  nädisten  Bach 
überschritten  hast,"  sagte  der  weiße  Ritter.  „Ich  werde 
dich  bis  an  den  Rand  des  Waldes  begleiten  —  dann 
muß  ich  zurückgehen.     Dort   ist   mein  Zug  zu  Ende." 

„Ich  danke  vielmals!"  sagte  Alice.  „Darf  ich  Ihnen 
aus  Ihrem  Helm  heraushelfen?"  Er  konnte  offenbar 
nicht  allein  heraus;  und  es  gelang  ihr  schließlich,  ihn 
aus  dem  Helm  herauszusdiütteln. 

„Jetzt  läßt  sidi  leiditer  atmen,"  erklärte  der  Ritter, 
strich  mit  beiden  Händen  sein  struppiges  Haar 
zurüdi  und  wandte  Alice  sein  sanftes  Gesicht  und 
seine  großen  milden  Augen  zu.  Kein  Soldat,  den  sie 
je  gesehen  hatte,  war  ihr  noch  so  sonderbar  vor- 
gekommen. 

Er  war  in  eine  Rüstung  aus  Zinn  gekleidet,  die 
ihm  sehr  schlecht  saß.  Um  seine  Schultern  hing  eine 
merkwürdig  geformte  Bleisdiachtel  mit  offenem  Dediel 
nach  abwärts.  Alice  sah  sie  neugierig  an. 

„Du  bewunderst  meine  kleine  Sdiachtel,"  sagte 
der  Ritter  freundlich.  „Sie  ist  meine  eigene  Erfindung, 
um  Kleider  und  Brötchen  darin  aufzuheben.  Siehst 
du,  ich  trage  sie  verkehrt,  damit  der  Regen  nicht 
hineinfällt." 


88 


„So  fallen  aber  die  Dinge  heraus!"  gab  Alice 
sanft  zu  bedenken.  „Wissen  Sie,  daß  der  Dedcel 
offen  ist?" 

„Idi  habe  es  nicht  gewußt,"  sagte  der  Ritter  und 
ein  Schatten  von  Ärger  zog  über  sein  Gesidit.  „Da 
muß  ja  alles  herausgefallen  sein!  Und  ohne  Inhalt 
ist  die  Sdiaditel  nichts  wert."  Er  band  sie  los  und 
wollte  sie  gerade  in  die  Büsche  werfen,  als  ihm  plötz- 
lich ein  Gedanke  kam.  Er  hängte  sie  sorgfältig  auf 
einen  Baum.  „Kannst  du  erraten,  warum  idi  das  getan 
habe?"  fragte  er  Alice. 

Alice  schüttelte  den  Kopf. 

„In  der  Hoffnung,  daß  Bienen  ihr  Nest  darin 
bauen;  dann  bekäme  idi  den  Honig." 

„Aber  Sie  haben  ja  ohnehin  einen  Bienenstock  — 
—  oder  etwas  ähnlidies  —  an  den  Sattel  gebunden," 
sagte  Alice. 

„]a,  es  ist  ein  sehr  guter  Bienenstod^,"  sagte  der 
Ritter  in  unzufriedenem  Ton.  „Einer  von  den  Besten. 
Aber  es  ist  noch  keine  einzige  Biene  in  seine  Nähe 
gekommen.  Das  andere  ist  eine  Mausefalle.  Idi  ver- 
mute, die  Mäuse  halten  die  Bienen  ab  oder  die  Bienen 
halten  die  Mäuse  ab.  Idi  weiß  es  nidit  sicher." 

„Ich  habe  mir  sdion  den  Kopf  zerbrodien,  wozu 
Sie  die  Mausefalle  haben,"  sagte  Alice.  „Es  ist  nidit 
sehr  wahrscheinlidi,  daß  es  auf  einem  Pferde  Mäuse 
gibt." 

„Vielleicht  nidit  sehr  wahrscheinlidi!"  sagte  der 
Ritter>  „aber  wenn  sie  dodi  kommen,  dann  will  idi 
lieber  nidit,  daß  sie  überall  herumlaufen." 

„Siehst  du,"  fuhr  er  nadi  einer  Pause  fort,  „es 
ist  gut,  wenn  man  für  alle  Fälle  vorbereitet  ist.  Das 
ist  auch  der  Grund,  warum  das  Pferd  alle  diese  Fuß- 
spangen um  die  Beine  hat." 

89 


„Wozu  sind  die?"  fragte  Alice  sehr  neugierig. 

„Sie  sdiützen  gegen  den  Biß  der  Haifische,"  ant- 
-wortete  der  Ritter.  „Es  ist  meine  eigene  Erfindung. 
Jetzt  hilf  mir  aber  aufsteigen.  Ich  will  didi  bis  ans 
Ende  des  Waldes  begleiten.  Wozu  ist  diese  Sdiüssel 
hier?" 

„Sie  ist  für  ein  Bischofsbrot  bestimmt!"  sagte 
Alice. 

„Dann  nehmen  wir  sie  lieber  mit,"  sagte  der  Ritter. 
„Wenn  wir  ein  Bisciiofsbrot  finden,  können  wir  sie 
brauciien.  Hilf  mir  sie  in  diesen  Sack  stedcen." 

Das  Hineinstedeen  dauerte  sehr  lange,  obwohl 
Alice  den  Sadc  sehr  sorgfältig  offen  hielt,  weil  der 
Ritter  die  Schüssel  gar  so  ungeschidct  hineinsteckte. 
Bei  den  ersten  Versuchen  fiel  er  selbst  hinein.  „Es 
geht  knapp,"  sagte  er,  als  sie  die  Schüssel  endlidi 
hineingebradit  hatten.  „Es  sind  so  viel  Leuditer  in 
der  Tasdie."  Und  dann  hängte  er  sie  in  den  Sattel, 
der  schon  mit  Karottenbündeln  und  Sdiürhaken  und 
vielen  anderen  Dingen  behängt  war. 

„Ich  hoffe,  du  hast  deine  Haare  fest  angebunden," 
fuhr  er  fort,  als  sie  loszogen. 

„Nur  wie  gewöhnlich,"  sagte  Alice  lächelnd. 

„Wird  kaum  genügen,"  sagte  er  ängstlidi.  „Der 
Wind  ist  hier  so  stark,  so  stark  wie  Suppe  .  .  ." 

„Haben  Sie  ein  Mittel  erfunden,  um  das  Haar 
gegen  das  Weggeblasenwerden  zu  schützen?"  er- 
kundigte sich  Alice. 

„Noch  nidit,"  sagte  der  Ritter.  „Aber  idi  habe  ein 
Mittel  erfunden,  um  es  vor  dem  Herunterfallen  zu 
schützen." 

„Das  mödite  ich  sehr  gerne  kennen  lernen." 

„Du  nimmst  zuerst  einen  geraden  Stodt,"  sagte 
der  Ritter,  „da  mußt  du  dein  Haar  hinaufklettern 
lassen,  wie  an  einen  Obstbaum.    Der  Grund,  warum 

90 


Haar  herunterfällt,  ist  der,  daß  es  abwärts  hängt  — 
die  Dinge  fallen  niemals  aufwärts,  wie  du  weißt. 
Dieses  Mittel  ist  meine  eigene  Erfindung.  Wenn  du 
willst,  kannst  du  es  probieren." 

Das  schien  Alice  keine  sehr  praktische  Methode, 
und  ein  paar  Minuten  lang  ging  sie  schweigend  weiter 
und  dachte  über  die  Sache  nach.  Sie  hielt  jeden 
Augenblidc  inne,  um  dem  armen  Ritter  zu  helfen,  der 
wirklich  kein  guter  Reiter  war.  So  oft  das  Pferd  stehen 
blieb  (und  das  tat  es  sehr  oft),  fiel  er  vorne  herunter ; 
und  so  oft  es  wieder  weiterging  (was  es  gewöhn- 
lich plötzlich  tat),  fiel  er  rückwärts  herunter.  Sonst 
ging  es  ziemlicii  gut  vorwärts,  nur  daß  er  die  Ge- 
wohnheit hatte,  hie  und  da  seitwärts  herunterzufallen; 
und  da  er  das  gewöhnlich  nach  der  Seite  hin  tat,  auf 
der  Alice  ging,  fand  sie  schließlich,  daß  es  am  besten 
wäre,  nidit  ganz  dicht  neben  dem  Pferd  zu  gehen. 

„Idi  fürdite,  Sie  haben  im  Reiten  nicht  sehr  viel 
Übung,"  wagte  sie  zu  sagen,  während  sie  ihm  zum 
fünftenmal  hinaufhalf. 

Der  Ritter  sah  sehr  überrascht  und  ein  wenig  be- 
leidigt drein.  „Warum  sagst  du  das?"  fragte  er, 
während  er  in  den  Sattel  zurüdikletterte.  Er  hielt 
dabei  Alicens  Haare  mit  einer  Hand  fest,  um  nicht 
auf  der  anderen  Seite  herunterzufallen. 

„Weil  Leute,  die  Übung  haben,  nidit  so  oft  herunter- 
fallen." 

„Idi  habe  sehr  viel  Übung,"  sagte  der  Ritter  sehr 
ernst.  „Sehr  viel  Übung." 

Alice  fiel  nichts  besseres  ein  als :  „Wirklich?"  Aber 
sie  sagte  es  so  herzlich  sie  konnte.  Sie  zogen 
eine  Weile  sciiweigend  weiter,  der  Ritter  mit  ge- 
sciilossenen  Augen  vor  sidi  hinmurmelnd,  Alice  ängst- 
lidi  seinen  nächsten  Sturz  erwartend. 

91 


„Die  größte  Kunst  beim  Reiten,"  begann  der  Ritter 
plötzlidi  mit  lauter  Stimme  und  schwang  beim  Sprechen 
seinen  rediten  Arm  —  „ist  das  Gleichge"  —  hier 
endete  der  Satz  ebenso  plötzlich  wie  er  begonnen 
hatte,  denn  der  Ritter  fiel  schwer  auf  seinen  Kopf, 
gerade  auf  den  Weg,  auf  dem  Alice  ging.  Sie  war 
diesmal  sehr  erschrocken  und  sagte  ängstlich,  als  sie 
ihn  aufhob:  „Ich  hoffe,  Sie  haben  sich  keine  Knodien 
gebrochen?" 

„Keine  nennenswerten,"  sagte  der  Ritter,  als  ob 
nicht  viel  daran  läge,  einige  Knochen  zu  brechen. 
„Die  größte  Kunst  beim  Reiten  ist,"  sagte  er,  „das 
Gleidigewicht  zu  halten.  Siehst  Du,  so?"  — 

Er  ließ  die  Zügel  sinken  und  streckte  beide  Arme  aus, 
um  Alice  zu  zeigen,  was  er  meinte ;  und  diesmal  fiel  er 
platt  auf  den  Rücken,  gerade  unter  die  Füße  des  Pferdes. 

„Sehr  viel  Übung,"  wiederholte  er  wieder,  während 
ihn  Alice  wieder  auf  die  Beine  brachte.  „Sehr  viel 
Übung!" 

„Das  ist  zu  lächerlich!"  rief  Alice,  diesmal  alle 
Geduld  verlierend.  „Sie  sollten  ein  hölzernes  Pferd 
auf  Rädern  haben,  jawohl!" 

„Gehen  die  sehr  ruhig?"  fragte  der  Ritter  voll 
Interesse  und  schlug  die  Arme  um  den  Hals  des 
Pferdes,  gerade  reditzeitig,  um  sidi  vor  einem  neuer- 
lidien  Herunterfallen  zu  bewahren. 

„Viel  ruhiger  als  ein  lebendiges  Pferd,"  sagte  Alice 
und  mußte  laut  auflachen,  obwohl  sie  sich  sehr  be- 
mühte, es  zu  unterdrücken. 

„Dann  will  ich.  eines  suchen,"  sagte  der  Ritter  nach- 
denklich zu  sich  selbst.  „Einige  —  mehrere." 

Hierauf  folgte  ein  kurzes  Stillschweigen  und  dann 
fuhr  der  Ritter  fort:  „Ich  bin  sehr  geschickt  im  Er- 
finden. Du  wirst  bemerkt  haben,  als  du  mich  das 
letztemal  aufhobst,  daß  idi  ziemlidi  nachdenklich  aussah." 

92 


„Sic  waren  allerdings  ein  bißdien  ernst,"  sagte 
Alice. 

„Nun,  da  habe  idi  gerade  eine  neue  Art  erfunden, 
wie  man  über  einen  Zaun  kommen  kann.  Willst  du 
etwas  darüber  hören?" 

„Sehr  gerne,"  sagte  Alice  höflidi. 

„Idi  will  dir  sagen,  wie  idi  darauf  gekommen  bin," 
sagte  der  Ritter.  „Siehst  du,  ich  sagte  mir,  die  einzige 
Sdiwierigkeit  sind  die  Füße,  der  Kopf  ist  schon  hodi 
genug:  also  lege  ich  zuerst  meinen  Kopf  auf  den 
Zaun  —  dann  ist  der  Kopf  hodi  genug  —  dann  stehe 
ich  auf  meinem  Kopf,  dann  sind  die  Füße  hodi  genug 
und  dann  bin  idi  sdion  drüber." 

„Ja,  dann  wären  Sie  drüber,"  sagte  Alice  nadi- 
denkhdi;  „aber  glauben  Sie  nidit,  daß  das  ziemlich 
schwer  ist?" 

„Idi  habe  es  noch  nicht  versucht,"  sagte  der  Ritter 
ernst;  „also  kann  idi  es  nicht  sidier  sagen,  aber  ich 
fürchte,  es  ist  ein  bißdien  schwer."  Er  sah  bei  dieser 
Vorstellung  so  bekümmert  aus,  daß  Alice  rasdi  das 
Thema  wechselte. 

„Was  für  einen  merkwürdigen  Helm  Sie  haben." 
sagte  sie.  „Ist  das  audi  Ihre  Erfindung?" 

Der  Ritter  sdiaute  stolz  auf  den  Helm,  der  ihm 
vom  Sattel  herunterhing. 

„ja,  aber  ich  habe  einen  besseren  erfunden.  Der 
ist  wie  ein  Zuckerhut.  Wenn  ich  ihn  trug  und  vom 
Pferd  fiel,  dann  berührte  er  sofort  den  Boden;  idi 
hatte  also  nidit  sehr  weit  zu  fallen.  —  Aber  es  be- 
stand natürlich  die  Gefahr,  hineinzufallen.  Das  gesdiah 
mir  einmal  —  und  das  schlimmste  war,  ehe  idi  wieder 
herauskommen  konnte,  kam  der  andere  weiße  Ritter 
und  setzte  ihn  auf;  er  dadite,  es  sei  sein  Helm." 

Der  Ritter  sdiaute  so  feierlich  drein,  daß  Alice 
nidit  zu  lachen  wagte.     „Ich  fürdite,   Sie  müssen  ihm 

93 


weh  getan  haben/  sagte  sie  mit  zitternder  Stimme, 
„wenn  Sie  auf  seinem  Kopf  saßen." 

„Natürlich  habe  ich  ihn  gestoßen,"  sagte  der  Ritter 
sehr  ernst  und  dann  nahm  er  den  Helm  wieder  ab, 
„aber  es  dauerte  Stunden  und  Stunden,  bis  man  micii 
herausgezogen  hatte.  Idi  steckte  so  fest  drin  —  wie 
ein  Weihnachtsfest." 

„Aber  das  ist  ein  anderes  ,fest',"  widersprach  Alice. 

Der  Ritter  sdiüttelte  den  Kopf.  „Idi  saß  so  fest 
wie  nur  möglich,  das  kann  ich  dich  versidierni"  Er 
hob  aufgeregt  die  Hand  und  augenblicklich  rollte  er 
aus  dem  Sattel  und  fiel  kopfüber  in  einen  tiefen 
Graben. 

Alice  sprang  an  den  Rand  des  Grabens,  um  ihn 
zu  sehen.  Sie  war  sehr  ersdirocken,  denn  sie  fürchtete, 
daß  er  sidi  diesmal  wirklicii  weh  getan  hätte.  Aber 
obwohl  sie  nidits  als  die  Sohlen  seiner  Füße  sehen 
konnte,  war  sie  sehr  erleichtert,  zu  hören,  daß  er  in 
seinem  gewöhnlidien  Ton  weitersprach.  „So  fest  wie  nur 
möglidi,"  wiederholte  er,  „aber  es  war  sehr  leidit- 
sinnig  von  ihm,  den  Helm  eines  anderen  Menschen 
aufzusetzen,  wo  nodi  dazu  der  Mensch  drin  siedete." 

„Wie  können  Sie  nur  so  ruhig  weiter  sprechen, 
wenn  Sie  mit  dem  Kopf  nach  abwärts  stehen?"  fragte 
Alice,  während  sie  ihn  bei  den  Füßen  herauszog  und 
Ihn  auf  das  Ufer  hinlegte.  Der  Ritter  schien  durdi 
die  Frage  überrascht.  „Was  liegt  daran,  wo  mein 
Körper  zufällig  ist?"  sagte  er.  „Mein  Geist  arbeitet 
dodi  weiter.  Ja,  jemehr  kopfabwärts  ich  mich  befinde, 
destomehr  neues  kann  ich  erfinden." 

„Das  Gescheiteste,  was  idi  in  dieser  Richtung  je 
getan  habe,"  fuhr  er  nach  einer  Pause  fort,  „war,  daß 
idi  während  des  Bratens  eine  neue  Mehlspeise  er- 
funden habe." 


94 


„Noch  rechtzeitig,  um  sie  für  den  nächsten  Gang 
zu  kochen?"  fragte  Alice.  »Nun,  da  sind  Sie  wirklich 
flink  gewesen." 

„Nein,  nidit  für  den  nächsten  Gang,"  sagte  der 
Ritter  langsam  und  nadidenklidi.  „Nein,  gewiß  nidit 
für  den  nädisten  Gang." 

„Also  dann  wohl  für  den  nächsten  Tag  ?  Ich  nehme 
an,  daß  Sie  nicht  zwei  Mehlspeisen  bei  ein  und  dem- 
selben Mittagessen  gehabt  haben,"  sagte  Alice. 

„Nein,  nicht  für  den  nächstenTag,"  wiederholte 
der  Ritter  wie  vorher.  „Nicht  für  den  nächsten  Tag," 
fuhr  er  fort  und  hielt  den  Kopf  abwärts,  während 
seine  Summe  immer  leiser  wurde;  „ich  glaube  nicht, 
daß  diese  Mehlspeise  jemals  wirklich  gekocht  worden 
ist.  Ich  glaube  nicht,  daß  diese  Mehlspeise  jemals 
gekocht  werden  wird;  und  doch  war  es  als  Erfindung 
eine  so  gescheite  Mehlspeise!" 

„Woraus  hätte  sie  gemacht  werden  sollen?"  fragte 
Alice,  um  ihn  aufzuheitern,  denn  der  arme  Ritter 
schien  ganz  niedergedrückt. 

„Erstens  kommt  Löschpapier  hinein,"  sagte  der 
Ritter  stöhnend. 

„Das  würde  nicht  sehr  gut  schmecicen,  fürchte 
ich."  — 

„Allein  nicht,"  unterbrach  er  sehr  eifrig.  „Aber 
du  hast  keine  Ahnung,  wie  es  schmecket,  wenn  man 
es  mit  anderen  Dingen  mischt,  so  zum  Beispiel  mit 
Schießpulver  und  Siegellacke.  Und  hier  muß  ich  dich 
verlassen."  Sie  waren  gerade  an  das  Ende  des  Waldes 
gekommen. 

Alice  schaute  verdutzt  drein.  Sie  dachte  an  die 
Mehlspeise. 

„Du  bist  traurig,"  sagte  der  Ritter  ängstlich.  „Laß 
mich  dir  zum  Trost  ein  Lied  singen." 

95 


„Ist  es  sehr  lang?"  fragte  Alice,  denn  sie  liatte 
heute  schon  ziemlich  viele  Lieder  gehört. 

„Es  ist  lang,"  sagte  der  Ritter.  „Aber  es  ist  sehr, 
sehr  sdiön.  Jeder,  der  es  singen  hört,  fängt  entweder 
zu  weinen  an  oder  sonst  — " 

„Oder  was  sonst?"  fragte  Alice,  denn  der  Ritter 
madite  eine  Pause. 

„Oder  sonst  eben  nicht!  Der  Name  des  Liedes 
heißt:  ,Härings  Augen'." 

„Ist  das  wirklidi  der  Name  des  Liedes?"  fragte 
Alice,  bemüht,  sidi  für  die  Sache  zu  interessieren. 

„Nein,  du  verstehst  nicht!"  sagte  der  Ritter  ärger- 
lich. „So  wird  der  Name  genannt,  der  Name  ist: 
,Der  alte,  alte  Mann'." 

„Dann  hätte  ich  sagen  sollen,  so  heißt  also  das 
Lied?"  korrigierte  sidi  Alice. 

„Nein,  das  hättest  du  nicht  sagen  sollen.  Das  ist 
wieder  ganz  etwas  anderes.  Das  Lied  heißt:  ,Wege 
und  Arten'.  Aber  so  heißt  es  nur." 

„Was  ist  es  denn  also?"  fragte  Alice  und  war 
jetzt  schon  vollständig  verwirrt. 

„Darauf  komme  ich  jetzt,"  sagte  der  Ritter.  „Das 
Lied  ist:  ,Sitzen  auf  einem  Zaun'  und  die  Melodie 
ist  meine  eigene  Erfindung." 

Während  er  das  sagte,  hielt  er  sein  Pferd  an 
und  ließ  ihm  die  Zügel  auf  den  Rüdcen  fallen.  Dann 
fing  er  zu  singen  an  und  schlug  mit  der  einen  Hand 
langsam  den  Takt  dazu,  während  ein  schwaches  Lächeln 
sein  sanftes,  närrisches  Gesicht  überglänzte,  als  ent- 
zücke ihn  die  Melodie  seines  Liedes. 

Von  allen  merkwürdigen  Sachen,  die  Alice  während 
ihrer  Reise  durchs  Spiegelland  sah,  behielt  sie  dieses 
Bild  immer  am  deutlichsten  in  Erinnerung.  Noch  viele 
Jahre  später  konnte  sie  sich  die  ganze  Szene  ins 
Gedächtnis  zurückrufen,    als  ob    sie  sich  erst  gestern 

96 


ereignet  hätte:  die  sanften  blauen  Augen  und  das 
freundlidie  Lächeln  des  Ritters  —  die  untergehende 
Sonne,  die  durch  sein  Haar  leuditete  und  auf  seiner 
Rüstung  glänzte,  in  einer  Lichtfülle,  von  der  sie  ganz 
geblendet  war;  —  das  Pferd,  daß  sidi  langsam  be- 
wegte und  leise  mit  über  den  Hals  herabhängenden 
Zügeln  das  Gras  zu  ihren  Füßen  abweidete  —  und 
die  schwarzen  Schatten  des  Waldes  dahinter  —  all 
dies  prägte  sich  ihr  ein  wie  ein  Gemälde,  und  mit 
einer  Hand  ihre  Augen  beschattend,  lehnte  sie  sich 
an  einen  Baum,  betrachtete  das  sonderbare  Paar  und 
lauschte  halb  im  Traum  der  traurigen  Melodie  des 
Liedes. 

„Aber  die  Melodie  ist  nicht  seine  eigene  Er- 
findung," sagte  sie  zu  sicii  selbst  „Es  ist  die  Melodie 
von  ,Ach,  wie  ist*s  möglicii  dann*.*  Sie  stand  und 
lauschte  aufmerksam,  aber  keine  Träne  kam  ihr  in  die 
Augen. 

Adi,  wie  isfs  möglich  dann, 

kann  ich  dir*s  anvertrauen? 

Idi  sah  einen  müden,  alten  Mann 

sitzen  auf  einem  Zaun. 

„Wie  lebst  du,  Alter?"  fragt*  icii  ihn, 

„erzähl  mirsi  Sei  so  liebl" 

Die  Antwort  floß  mir  durch  den  Sinn 

wie  Wasser  durch  ein  Sieb. 

Er  sprach:  „Ich  fange  Falter  ein 
auf  Feldern  und  Blumenbeeten, 
die  press*  icii  und  tue  Gewürz  hinein 
und  verkaufe  sie  als  Pasteten, 
verkaufe  sie  Männern,  die  die  Flut 
durciifahren  bei  Sturmestosen, 
und  davon  leb  idi,"  Er  zog  den  Hut 
„Icii  bitte  um  ein  Almosen!" 

97 


Ich  dachte  gerade  nach:  Wie  kann 
man  grün  sich  färben  den  Bart 
und  ihn  für  immer  bedecken  dann 
mit  einem  Fächer  zart? 
Drum  bracht  ich  keine  Antwort  vor, 
ich  sdirie  dem  armen  Tropf: 
„Sag,  wovon  lebst  du?"  laut  ins  Ohr 
und  schlug  ihn  auf  den  Kopf. 

Mild  nahm  er  die  Erzählung  auf: 

„Ich  wandre  dann  und  wann 

und  treff  ich  eines  Baches  Lauf, 

so  zünde  ich  ihn  an. 

Draus  madi  ich  einen  Quark,  der  heißt 

Rolands  Macassar-Öl; 

und  schlecht  bezahlt  man,  was  ich  leiste 

wie  ich  mich  schind  und  quäl." 

Doch  ich  erwog  die  Möglichkeit, 
mich  rein  von  Teig  zu   nähren 
und  so  sdiön  langsam  mit  der  Zeit 
mein  Sdiwergewicht  zu  mehren." 
Ich  schüttelte  ihn  fürchterlich 
bis  er  sich  blau  verfärbte. 
„Sag  mir,  wovon  du  lebst  I"  schrie  ich^ 
indem  ich  wild  ihn  gerbte. 

„Nadi  Heringsaugen  jage  ich" 

sprach  er,  „im  Heidekraut; 

ich  sdineide  Hosenknöpfe  draus 

Nachts,  eh  der  Morgen  graut, 

und  die  verkauf  ich  —  nicht  um  Gold,, 

auch  nicht  um  Silbers  Pracht  — 

nein,  um  ein  schlichtes  Pfennigstüdc^ 

und  dafür  kriegst  du  acht . . . 


98 


Idi  setze  den  Krabben  Fallen  aus 
und  grabe  nadi  Butterstollen; 
oft  sudie  idi  Omnibusräder  im  Gras 
zwischen  Gestrüpp  und  Knollen. 
Auf  diese  Art"  (er  blinzelte) 
„erwerbe  idi  Sdiätze  und  Ehren. 
Audi  will  idi  gern  auf  Euer  Wohl, 
mein  Herr,  ein  Gläslein  leeren." 

Jetzt  endlidi  hörte  idi,  was  er  spradi, 
denn  idi  hatte  midi  eben  entsdiieden, 
die  Menaibrüdce  zum  Sdiutz  gegen  Rost 
in  heißem  Wein  zu  sieden. 
Idi  dankte  ihm  für  den  Beridit 
und  daß  er  mir  zu  Ehren 
auf  sidi  genommen  die  sdiwere  Pflidit, 
ein  ganzes  Glas  zu  leeren. 

Und  jetzt  nodi,  wenn  idi  ab  und  zu 

die  Hand  in  Klebstoff  stedce, 

oder  wenn  in  den  linken  Sdiuh 

meinen  rediten  Fuß  idi  stredce, 

oder  wenn  ein  sdiweres  Budi  mit  Sdiwung 

idi  auf  die  Zehen  mir  sdileudern  kann, 

dann  weine  idi  in  der  Erinnerung 

an  jenen  armen  alten  Mann. 

Sein  Blidc  war  mild,  seine  Stimme  leis, 

sein  Haar  wie  frisdier  Sdmee  so  weiß, 

sein  Antlitz  glidi  dem  einer  Gais, 

die  Augen  glühten  kerzenweis, 

sein  Körper  drehte  sidi  im  Kreis, 

es  sdiien  sein  Herz  erstarrt  zu  Eis, 

als  war  sein  Mund  gefüllt  mit  Mais, 

so  murmelte  der  arme  Greis 

an  jenem  Sommerabend  heiß, 

und  saß  auf  einem  Zaun. 


99 


Während  der  Ritter  die  letzten  Worte  der  Ballade 
sang,  faßte  er  die  Zügel  und  wandte  den  Kopf  seines 
Pferdes  dem  Wege  zu,  den  sie  gekommen  waren. 
„Jetzt  hast  du  nur  mehr  ein  paar  Sdiritte  zu  gehen," 
sagte  er.  „Den  Hügel  hinunter  und  über  jenen  kleinen 
Badi,  und  dann  bist  du  eine  Königin  —  aber  du 
wirst  mir  dodi  zuerst  nadisdiauen,  wenn  ich  fortreite?" 
fügte  er  hinzu,  als  Alice  sidi  eifrig  in  die  gewiesene 
Richtung  wandte.  „Es  dauert  nicht  lange.  Du  mußt 
warten  und  mit  deinem  Taschentudi  winken,  bis  idi 
dort  die  Biegung  der  Straße  nehme!  Ich  glaube,  es 
wird  mir  Mut  machen.* 

„Natürlich  warte  idi,*  sagte  Alice.  „Ich  danke 
Ihnen  vielmals,  daß  Sie  mich  so  weit  begleitet  haben, 
und  auch  für  das  Lied  —  es  hat  mir  sehr  gut  gefallen." 

Das  hoffe  ich,"  sagte  der  Ritter  zweifelnd.  „Aber 
du  hast  nicht  so  sehr  geweint,  wie  ich  erwartet  hätte." 

So  schüttelten  sie  einander  die  Hände  und  der 
Ritter  trabte  langsam  dem  Walde  zu.  „Es  wird  nicht 
lange  dauern,  bis  er  wieder  herunterfällt,"  sagte  Alice, 
während  sie  ihm  nachschaute.  „Hailoh!  da  liegt  er 
schon!  und  wirklidi  auf  dem  Kopf.  Er  kommt  aber 
ziemlich  leidit  wieder  hinauf  —  das  kommt  daher, 
daß  er  soviel  Übung  im  Wiederaufsteigen  hat."  —  So 
redete  sie  zu  sich  selbst,  während  sie  zusah,  wie  das 
Pferd  langsam  über  die  Straße  ging  und  der  Ritter 
zuerst  auf  der  einen,  dann  auf  der  andern  Seite 
herunterfiel.  Nach  dem  vierten  oder  fünften  Sturze 
erreichte  er  die  Biegung  und  sie  winkte  mit  dem 
Taschentuch  und  wartete,  bis  er  ihr  aus  den  Augen 
verschwunden  war. 

„Hoffentlidi  hat  es  ihm  Mut  gemadit."  sagte  sie, 
während  sie  den  Hügel  hinabging.  „Und  jetzt  über 
den  letzten  Badi  und  dann  bin  ich  Königin!  Wie 
großartig  das  klingt!" 

100 


Wenige  Sdiritte  brachten  sie  an  den  Rand  des 
Baches.  „Endlich  das  achte  Feld!**  rief  sie,  sprang 
hinüber    —     —     —     —     —     —    —    —    —    — 


und  warf  sich,  um  auszuruhen,  auf  einen  Rasenplatz 
nieder.  Der  war  weidi  wie  Moos  und  hie  und  da  mit 
kleinen  Blumenbeeten  besteckt.  „Adi,  wie  froh  bin  ich, 
hier  zu  sein!  Aber  was  ist  das  auf  meinem  Kopf?" 
rief  sie  erschrocken  und  faßte  etwas  sehr  sdiweres, 
das  ihr  ganz  fest  auf  dem  Kopfe  saß. 

„Wie  ist  das  nur  unbemerkt  heraufgekommen?" 
fragte  sie  sidi,  als  sie  es  abhob  und  auf  ihren  Sdioß 
setzte,  um  herauszufinden,  was  es  wohl  sein  könnte. 
Es  war  eine  goldene  Krone. 


101 


IX.  Kapitel. 

Königin       Alice« 


„Das  ist  wirklich  großartig!"  sagte  Alice.  „Ich  habe 
nicht  erwartet,  so  bald  Königin  zu  werden.  Idi  will 
Ihnen  etwas  sagen,  Majestät,"  fuhr  sie  in  strengem 
Ton  fort.  (Sie  zankte  immer  gerne  mit  sidi  selbst.) 
„Es  schickt  sidi  durchaus  nicht,  daß  Sie  da  so  auf 
dem  Gras  umhersitzen;  Königinnen  müssen  sidi  würde- 
voll betragen!" 

Sie  stand  also  auf  umd  ging  umher,  zuerst  ziemlich 
steif,  denn  sie  fürchtete,  daß  ihr  die  Krone  herunter- 
fallen könnte;  aber  sie  tröstete  sich  mit  dem  Gedanken, 
daß  niemand  sie  sah.  „Und  wenn  ich  wirklich  eine 
Königin  bin,"  sagte  sie  und  setzte  sich  wieder  nieder, 
„dann  werde  idi  sie  schon  mit  der  Zeit  tragen  lernen." 

Alles  ereignete  sich  auf  so  sonderbare  Art,  daß 
sie  nicht  im  geringsten  überrascht  war,  als  plötzlich 
die  schwarze  und  die  weiße  Königin  dicht  neben  ihr 
saßen,  eine  auf  jeder  Seite.  Sie  hätte  sie  gar  zu 
gerne  gefragt,  wie  sie  hergekommen  wären,  aber  sie 
fürchtete,  unhöflich  zu  sein.  Das  aber  meinte  sie  wohl 
fragen  zu  dürfen,  ob  das  Spiel  sdion  vorüber  sei. 

„Würden  Sie  so  gut  sein,  mir  zu  sagen,"  —  fing 
sie   an   und  sah  die  schwarze  Königin  schüchtern  an. 

„Spridi  erst,  wenn  man  dich  anredet!"  unterbrach 
die  schwarze  Königin  sie  scharf. 

„Wenn  Sie  immer  nur  sprechen  würden,  nachdem 
man  Sie  angeredet  hat,  und  wenn  audi  die  andern 
Leute  das  gleiche  täten,  dann  würde  nie  jemand 
etwas  sagen,  so  daß  — " 

„Lächerlicii!"  rief  die  Königin.  „Siehst  du  nicht, 
Kind  — " 


102 


Hier  unterbrach  sie  sich  und  runzelte  die  Stirne, 
dadite  einen  Augenblidc  nadi  und  wechselte  das 
Thema.  „Was  hast  du  gemeint,  als  du  sagtest:  »Wenn 
ich  wirklidi  eine  Königin  bin'?  Wit  welchem  Recht 
nennst  du  dich  so?  Du  kannst  natürlich  keine  Königin 
sein,  ehe  du  die  Prüfung  bestanden  hast;  und  je 
früher  wir  damit  anfangen,  desto  besser." 

„Ich  sagte  nur,  wenn!"  verteidigte  sich  die  arme 
Alice  in  mitleidswürdigem  Ton. 

Die  beiden  Königinnen  wechselten  Blicke  und  die 
schwarze  Königin  bemerkte  mit  einem  kleinen  Schauder: 
„Sie  sagt,  sie  habe  nur  gesagt,  wenn  — "  „Aber  sie 
hat  viel  mehr  gesagt ]**  stöhnte  die  weiße  Königin  und 
rang  die  Hände.  „Oh,  oh,  oh,  viel,  viel  mehr 
als  das!" 

„Jawohl,  das  ist  wahr!"  sagte  die  schwarze  Königin 
zu  Alice.  „Sprich  immer  die  Wahrheit  —  denk  nach, 
bevor  du  sprichst  —   und   schreibe   es   naciiher  auf." 

„Ich  habe  wirklich  nicht  geglaubt  — "  fing  Alice  an; 
aber  die  schwarze  Königin  unterbracii  sie  ungeduldig: 
„Gerade  das  ist  das  Sciilimme.  Du  hättest  glauben 
sollen!  Was  ist  ein  Kind  ohne  Glauben  wert?  Gar 
nichts!  Du  kannst  das  niciit  leugnen,  nicht  einmal, 
wenn  du  es  mit  beiden  Händen  probierst." 

„Ich  leugne  nicht  mit  den  Händen,"  wandte  Alice  ein, 

„Niemand  hat  gesagt,  daß  du  das  tust,"  sagte  die 
schwarze  Königin;  „ich  habe  gesagt,  du  kannst  es 
nicht,  auch  wenn  du  es  probierst." 

„Sie  ist  in  einer  Stimmung,"  sagte  die  weiße 
Königin,  „in  der  sie  irgend  etwas  leugnen  will,  sie 
weiß  nur  nicht,  was!" 

„Ein  abscheulicher  Charakter,"  sagte  die  schwarze 
Königin,  und  dann  folgte  minutenlanges,  unbehagliciies 
Schweigen. 

103 


Die  schwarze  Königin  unterbradi  die  Stille,  indem 
sie  zur  weißen  Königin  sagte:  „Idi  lade  Sie  für  heute 
zu  Alicens  Abendgesellschaft  ein!" 

Die  weiße  Königin  lächelte  schwach  und  sagte: 
„Und  ich  lade  Sie  dazu  eini" 

„Ich  wußte  nicht,  daß  idi  überhaupt  eine  Abend- 
gesellschaft geben  soll,"  sagte  Alice.  „Wenn  ich 
aber  eine  gebe,  dann  sollte  ich  die  Gäste  einladen, 
glaube  ich." 

„Wir  haben  dir  ja  Gelegenheit  gegeben,  das  zu 
tun,"  bemerkte  die  sdiwarze  Königin.  „Aber  ich  denke, 
du  hast  noch  nicht  viel  Sdiulstunden  in  Manieren 
gehabt?" 

„Manieren  werden  nidit  in  Schulstunden  gelehrt," 
sagte  Alice.  „In  den  Schulstunden  lernt  man  Rechnen 
und  solche  Sachen." 

„Kannst  du  addieren?"  fragte  die  weiße  Königin. 
„Wieviel  ist  eins  und  eins  und  eins  und  eins  und 
eins  und  eins?" 

„Ich  weiß  nicht,"  sagte  Alice,  „ich  habe  nidit  gezählt." 

„Addieren  kann  sie  nicht,"  unterbradi  die  schwarze 
Königin. 

„Kannst  du  subtrahieren  ?  Zieh  neun  von  acht  ab." 

„Neun  von  acht  kann  ich  nicht  abziehen,"  ant- 
wortete Alice  eifrig. 

„Subtrahieren  kann  sie  audi  nicht,"  sagte  die  weiße 
Königin. 

„Kannst  du  teilen?  Teile  einen  Laib  Brot  durch 
ein  Messer,  was  kommt  heraus?" 

„Ich  glaube  — "  begann  Alice,  aber  die  schwarze 
Königin  antwortete  für  sie:  „Butterbrot  natürlich." 

„Versuch  noch  eine  Subtraktion.  Nimm  einem  Hund 
einen  Knochen  weg;  was  bleibt?" 

Alice  überlegte.  „Der  Knochen  bleibt  natürlich 
nicht,  wenn  ich  ihn  wegnehme,  und  der  Hund  bleibt 

104 


auch  nicht,  er  kommt  und  beißt  mich;  und  ich  würde 
auch  nidit  bleiben,  sicher  nicht!" 

„Da  würde  also  nichts  bleiben?"  fragte  die 
schwarze  Königin. 

„Ich  denke." 

„Wie  gewöhnlich  falscii,"  sagte  die  schwarze 
Königin.    „Die  Wut  des  Hundes  würde  bleiben." 

„Wahrsciieinlicii,"  sagte  Alice  und  dadite  bei  sich: 
Was  für  einen  fürchterliciien  Unsinn  reden  wir  da 
zusammen! 

„Also  rechnen  kann  sie  niciit  im  geringsten,"  sagten 
die  beiden  Königinnen  zugleich  mit  großem  Naciidruc^. 

„Können  Sie  reciinen?"  fragte  Alice  und  wandte 
sich  plötzlich  an  die  weiße  Königin,  denn  sie  hörte 
niciit  gerne,  daß  man  so  viel  an  ihr  aussetzte. 

Die  Königin  schnappte  nadi  Luft  und  schloß  die 
Augen.  „Addieren  kann  ich,"  sagte  sie,  „wenn  man 
mir  Zeit  läßt  —  aber  subtrahieren  kann  icii  unter  gar 
keinen  Umständen." 

„Natürlich  kannst  du  das  ABC?"  fragte  die  schwarze 
Königin. 

„Gewiß,"  sagte  Alice. 

„Das  kann  ich  auch."  flüsterte  die  weiße  Königin. 
„Wir  wollen  es  oft  miteinander  hersagen,  liebes 
Herz;  und  dann  will  icii  dir  ein  Geheimnis  anver- 
trauen. —  Ich  kann  die  Worte  mit  einem  einzigen 
Buchstaben  lesen!  Ist  das  nicht  großartig?  Verlier 
aber  niciit  den  Mut,  du  wirst  das  mit  der  Zeit  aucii 
noch  erlernen." 

Hier  begann  die  schwarze  Königin  wieder:  „Kannst 
du  nützliche  Fragen  beantworten?  Wie  macht  man 
Brot?" 

„Das  weiß  ich!"  rief  Alice  eifrig.  „Man  nimmt  Mehl — " 

„Wo  pflückt  man  das  Mehl?"  fragte  die  weiße 
Königin.  „Wächst  es  auf  Bäumen  oder  auf  Büsciien?" 

105 


„Man  mahlt  es,"  erklärte  Alice. 

„Mit  welcher  Farbe  malt  man  es  ?"  fragte  die  weiße 
Königin.  „Du  läßt  immer  das  Widitigste  aus." 

„Fächle  ihren  Kopf,"  unierbradi  die  sdiwarze 
Königin  ängstlidi,  „sie  wird  vom  vielen  Nachdenken 
Fieber  bekommen."  Nun  fingen  sie  an,  ihr  mit  Blätter- 
bündeln so  lang  den  Kopf  zu  fächeln,  bis  sie  sie 
bitten  mußte,  aufzuhören,  weil  der  Wind  ihr  Haar  so 
durciieinanderblies. 

„jetzt  ist  sie  wieder  in  Ordnung,"  sagte  die  sciiwarze 
Königin.  „Kannst  du  Sprachen?  Wie  heißt  Lirum  Larum 
auf  französisch?" 

„Lirum  Larum  ist  nicht  deutsdi,"  antwortete  Alice 
ernst. 

„Wer  hat  gesagt,  daß  es  deutsdi  ist?"  sagte  die 
schwarze  Königin.  Alice  meinte  diesmal  einen  Ausweg 
aus  der  Schv/ierigkeit  zu  sehen.  „Wenn  Sie  mir  sagen, 
was  für  eine  Sprache  Lirum  Larum  ist,  dann  will  ich 
Ihnen  sagen,  wie  es  auf  französisch  heißt!"  rief  sie 
triumphierend  aus. 

Aber  die  schwarze  Königin  hob  den  Kopf  steif 
und  sagte:  „Königinnen  machen  keine  Geschäfte." 

Wenn  nur  Königinnen  auch  keine  Fragen  stellten! 
dachte  Alice  bei  sidi. 

„Wir  wollen  nicht  streiten,"  sagte  die  weiße  Königin 
ängstlidi.  „Was  ist  die  Ursache  des  Blitzes?" 

„Die  Ursache  des  Blitzes",  sagte  Alice  sehr  ent- 
schieden, denn  diesmal  fühlte  sie  sich  sidier,  „ist  der 
Donner  —  nein,  nein,"  verbesserte  sie  sich  rasdi, 
„es  ist  umgekehrt." 

„Es  ist  zu  spät,  das  riditigzustellen,"  sagte  die 
schwarze  Königin.  „Wenn  du  etwas  einmal  aus- 
gesprochen hast,  dann  ist  es  so  und  dann  mußt  du 
die  Folgen  tragen." 

106 


„Da  fällt  mir  ein  — "  sagte  die  weiße  Königin 
und  schaute  zu  Boden,  wobei  sie  nervös  ihre  Hand 
auf-  und  zumachte,  „letzten  Dienstag  hatten  wir  so 
ein  Gewitter  —  ich  meine  an  einer  von  den  letzten 
Dienstag-Gruppen." 

Alice  war  erstaunt.  „In  unserem  Lande",  bemerkte 
sie,  „ist  immer  nur  ein  Tag  auf  einmal." 

Die  schwarze  Königin  sagte:  „Das  ist  eine  sehr 
armselige  Methode.  Hier  haben  wir  gewöhnlich  zwei 
oder  drei  Tage  auf  einmal  und  im  Winter  nehmen 
wir  manchmal  fünfNädite  zugleidi,  damit  es  wärmer  ist." 

„Sind  denn  fünf  Nädite  wärmer  als  eine?"  wagte 
Alice  zu  fragen. 

„Fünfmal  so  warm  natürlich." 

„Aber  sie  sollten  eigentlich  auch  fünfmal  so  kalt 
sein." 

„Natürlich,"  rief  die  Königin;  „fünfmal  so  warm 
und  fünfmal  so  kalt,  genau  so,  wie  idi  fünfmal  so 
reidi  bin  als  du  und  fünfmal  so  gesdieit." 

Alice  seufzte.  Das  ist  genau  wie  ein  Rätsel  ohne 
Auflösung,  dadite  sie. 

„Plumpsü  Bumsti  hat  es  auch  gesehen."  fuhr  die 
weiße  Königin  mit  leiser  Stimme  fort,  gleichsam  im 
Selbstgesprädi.  „Er  kam  mit  einem  Kochtopf  in  der 
Hand  zur  Tür  — " 

„Was  wollte  er?"  fragte  die  sdiwarzc  Königin. 

„Er  sagte,  er  müsse  hereinkommen,"  fuhr  die  weiße 
Königin  fort,  „weil  er  ein  Nilpferd  sudie.  Zufällig  war 
aber  gerade  damals  keins  im  Haus." 

„Ist   gewöhnlich   eins  da?"   fragte  Alice   erstaunt. 

„Nun,   nur   an  Donnerstagen,"   sagte  die  Königin. 

„Idi  weiß,  warum  er  gekommen  ist,"  sagte  Alice, 
„er  wollte  den  Fisdi  bestrafen,  weil  — " 

Hier  begann  die  weiße  Königin  von  neuem.  „Es 
war   ein   so   furditbares  Gewitter,   du   kannst   es   dir 

107 


nicht  denken!"  („Sie  hat  niemals  denken  können, 
weißt  du,**  sagte  die  schwarze  Königin.)  „Und  ein 
Stüdc  Dach  fiel  ab  und  Unmengen  von  Donner  fielen 
herein  und  rollten  in  großen  Klumpen  im  Zimmer 
herum  und  hauten  Tische  und  Schränke  um  —  bis 
ich  vor  lauter  Angst  mich  nicht  einmal  an  meinen 
eigenen  Namen  erinnern  konnte." 

Alice  dachte  bei  sich:  inmitten  eines  Gewitters 
würde  ich  gar  nicht  versuchen,  mich  an  meinen 
Namen  zu  erinnern.  Wozu  auch?  Aber  sie  sagte  das 
nicht  laut,  um  die  arme  Königin  nicht  zu  kränken. 

„Eure  Majestät  müssen  sie  entschuldigen,"  sagte 
die  schwarze  Königin  zu  Alice,  nahm  eine  Hand  der 
weißen  Königin  in  ihre  eigene  und  streichelte  sie 
sanft.  „Sie  meint  es  gut,  aber  sie  kann  nichts  dafür, 
sie  muß  gewöhnlich  dummes  Zeug  reden." 

Die  weiße  Königin  sah  Alice  ängstlich  an.  Diese 
hätte  gerne  irgend  etwas  Freundliches  gesagt,  aber 
es  fiel  ihr  im  Augenblick  nichts  ein. 

„Nun,  sie  ist  niemals  gut  erzogen  worden,"  fuhr 
die  schwarze  Königin  fort,  „aber  es  ist  erstaunlich 
wie  gutmütig  sie  ist.  Tätschle  sie  einmal  auf  den  Kopf 
du  wirst  sehen,  wie  sie  sich  freut!"  Aber  das  traute 
sich  Alice  doch  nicht. 

„Wenn  man  ein  wenig  freundlich  mit  ihr  wäre 
und  ihr  das  Haar  kräuselte  —  da  könnte  man  alles 
Mögliche  aus  ihr  machen." 

Die  weiße  Königin  seufzte  tief  und  legte  ihren  Kopf 
an  Alicens  Schulter.  „Ich  bin  so  schläfrig,"  stöhnte  sie. 

„Sie  ist  müde,  die  Arme!"  sagte  die  schwarze 
Königin.  „Glätte  ihr  das  Haar,  leih  ihr  deine  Nacht- 
mütze  und   singe   ihr   ein  beruhigendes  Wiegenlied." 

„Ich  habe  keine  Nachtmütze  bei  mir,"  sagte  Alice 
und  versuchte  dem  ersten  Befehl  zu  folgen.  „Und  ich 
kann  kein  beruhigendes  Wiegenlied." 

108 


„Dann  muß  ich  es  selbst  tun,"  sagte  die  schwarze 
Königin  und  begann: 

»Schlaf,  Kindchen,  schlafe,  in  Alicens  Schoß! 
Bis  zum  Abendessen  sciilafen  wir  famos. 
Nach  dem  Abendessen  gehen  wir  zum  Balle, 
Wir  beide  Königinnen,  Alice  und  wir  allel 

„Jetzt  kannst  du  es  also,"  fügte  sie  hinzu  und 
legte  ihren  Kopf  an  Alicens  andere  Schulter.  „Jetzt 
sing  es  mir,  ich  bin  auch  schläfrig."  Im  nächsten  Augen- 
blick schliefen  beide  Königinnen  und  schnarchten  laut. 

„Was  soll  ich  tun?"  rief  Alice  und  schaute  sehr 
bestürzt  herum,  als  zuerst  der  eine  und  dann  der 
andere  der  beiden  Köpfe  von  ihrer  Schulter  herunter- 
rollte und  wie  ein  schwerer  Klumpen  ihr  in  den  Schoß 
fiel.  „Ich  glaube,  es  ist  noch  nie  vorgekommen,  daß 
jemand  zwei  schlafende  Königinnen  auf  einmal  be- 
wachen mußte.  Nein,  nicht  in  der  ganzen  Welt- 
geschichte. —  Wacht  doch  auf,  ihr  schweren  Dinger!" 
fuhr  sie  ungeduldig  fort;  aber  es  kam  keine  Antwort, 
nur  ein  leises  Schnarchen. 

Das  Schnarchen  wurde  jeden  Augenblick  deutlicher 
und  klang  immer  mehr  wie  eine  Melodie;  endlich 
konnte  sie  sogar  Worte  unterscheiden  und  lauschte 
eifrig.  Als  die  beiden  großen  Köpfe  von  ihrem  Schoß 
verschwanden,  vermißte  sie  sie  kaum. 

Sie  stand  plötzlich  vor  einem  Torbogen,  über  dem 
die  Worte  „Königin  Alice"  in  großen  Buchstaben  auf- 
geschrieben waren.  An  jeder  Seite  war  eine  Glocke; 
über  der  einen  las  sie  „Besucherglocke",  über  der 
anderen  „Dienerglocke". 

„Ich  will  warten,  bis  das  Lied  zu  Ende  ist,"  dachte 
Alice,  „und  dann  will  ich  läuten;  aber  an  welcher 
Glocke?  Ich  bin  kein  Besucher  und  bin  auch  kein 
Diener.    Es  sollte  noch  eine  Glocke  für  die  Königin 

109 


geben."  Gerade  da  ging  die  Tür  ein  wenig  auf; 
irgend  jemand  mit  einem  langen  Schnabel  steckte 
einen  Augenblidk  den  Kopf  durch  und  sagte:  „Hier 
wird  bis  übernächste  Woche  niemand  eingelassen." 
Und  dann  ließ  er  die  Tür  krachend  wieder  ins  Schloß 
fallen.  Alice  klopfte  und  läutete  vergebens;  aber  end- 
lich stand  ein  sehr  alter  Frosch  auf,  der  unter  einem 
Baum  saß,  und  humpelte  langsam  auf  sie  zu.  Er  war 
in  ein  hellgelbes  Gewand  gekleidet  und  hatte  un- 
geheuer große  Stiefel  an. 

„Was  gibt*s  denn?"  fragte  der  Frosdi  in  heiserem 
Flüsterton. 

Alice  kehrte  sidi  übellaunig  um.  „Wo  ist  denn 
der  Diener,  der  hier  die  Tür  bedienen  soll?"  fing  sie 
ärgerlich  an. 

„Welche  Tür?"  fragte  der  Frosch. 

Alice  stampfte  fast  mit  dem  Fuß  auf  vor  Ungeduld, 
weil  er  die  Worte  so  langweilig  dehnte.  „Diese  Tür 
natürlidil" 

Der  Frosch  sdiaute  die  Tür  mit  seinen  großen 
dummen  Augen  eine  Weil^  an,  dann  ging  er  näher 
hin  und  rieb  sie  mit  seinem  Daumen,  als  wollte  er 
versuchen,  ob  die  Farbe  heruntergehe;  dann  schaute 
er  Alice  an. 

„Die  Tür  bedienen?"  sagte  er.  „Die  Tür  hat  ja 
nichts  verlangt."  Er  war  so  heiser,  daß  Alice  ihn 
kaum  hören  konnte. 

„Ich  weiß  nicht,  was  Sie  meinen,"  sagte  Alice. 

„Icii  tu  aber  deutsch  reden,"  fuhr  der  Frosch  fort, 
„oder  sind  Sie  vielleidit  taub?  Was  hat  die  Tür  ver- 
langt?" 

„Nichts,"  sagte  Alice  ungeduldig.  „Idi  habe  an  sie 
geklopft!" 

„Das  soll  man  nicht  tun,"  murmelte  der  Frosch; 
„das  ärgert  sie."   Dann  ging  er  hin  und  gab  der  Tür 

110 


mit  einem  seiner  großen  Füße  einen  Stoß.  „Wenn 
man  die  Tür  in  Ruhe  läßt,"  keudite  er  heraus  und 
humpelte  zu  seinem  Baum  zurüde,  „dann  läßt  sie 
einen  auch  in  Ruhe." 

In  diesem  Augenblick  wurde  die  Tür  aufgestoßen 
und  eine  sdirille  Stimme  sang  von  innen: 

Da  sprach  Alice  zum  Spiegelland: 
„Seht  hier  das  Zepter  in  meiner  Hand, 
dies  ist  meine  Krone,  dies  ist  mein  Palast, 
seid  alle  heut  abends  bei  mir  zu  Gast!" 

und  hundert  Stimmen  fielen  im  Chor  ein: 

„So  füllt  denn  die  Gläser,  Ihr  alle,  juchhe! 
Und  schleudert  die  Katzen  in  den  Kaffee, 
und  werfet  die  Mäuse  ins  Speiseservice.  — 
Heil,  dreißigmal  dreimal  der  Königin  Alice I" 

Dann  folgte  wirrer  Lärm  und  Hochrufe.  Alice 
dachte:  „Dreißig  mal  dreimal  macht  neunzigmal.  Idi 
mödite  wissen,  ob  jemand  zählt?" 

Im  nächsten  Augenblick  war  wieder  alles  still; 
dann  sang  dieselbe  schrille  Stimme: 

„Oh  Spiegelglasvolk!"   sprach  Alice,  „wie  schön! 
Es  ehrt  mich,  euch  alle  bei  mir  zu  seh'n. 
Ihr  speist  heut  bei  mir;  idi  zeichne  euch  aus 
durch  einen  königlidien  Schmaus!" 

Dann  kam  wieder  der  Chor: 

„Nun  füllet  die  Gläser  mit  Tinte  und  Öl 

und  madit  einen  fürditerlichen  Bahöll, 

mischt  Wein  in  den  Streusand  und  Bier  in  den  Grieß.  — 

Heil,  neunzigmal  neunmal  der  Königin  Alice!" 

111 


„Neunzigmal  neunmall"  wiederholte  Alice  ver- 
zweifelt. „Das  wird  nie  aufhören!  Ich  gehe  lieber  gleidi 
hinein." 

Sie  trat  ein,  und  im  Augenblidc  ihres  Eintretens 
war  es  totenstill. 

Alice  schaute  ängstlich  die  Tafel  entlang,  während 
sie  durch  die  große  Halle  ging,  und  sah,  daß  ungefähr 
fünfzig  Gäste  aller  Art  versammelt  waren.  Einige  waren 
Tiere,  einige  Vögel  und  sogar  Blumen  waren  darunter. 

„Ich  bin  froh,  daß  sie  gekommen  sind,  ohne  auf 
die  Einladung  zu  warten,"  dachte  sie;  „ich  hätte  nidit 
gewußt,  wen  idi  eigentlidi  einladen  muß!" 

An  der  Stirnseite  der  Tafel  standen  drei  Stühle; 
auf  zweien  hatten  schon  die  schwarze  und  die  weiße 
Königin  Platz  genommen,  aber  der  mittlere  war  noch 
leer.  Alice  setzte  sich  hin;  das  Schweigen  war  ihr 
peinlidi  und  sie  sehnte  sich  danach,  jemanden  sprechen 
zu  hören. 

Endlich  begann  die  schwarze  Königin:  „Du  hast 
die  Suppe  und  den  Fisch  versäumt,"  sagte  sie.  „Jetzt 
kommt  der  Braten!"  Die  Kellner  stellten  eine  Hammel- 
keule vor  Alice  hin,  die  sie  ziemlich  furchtsam  ansah, 
denn  sie  hatte  nie  vorher  einen  Braten  zerteilt. 

„Du  schaust  schüchtern  drein;  erlaube,  daß  ich 
dich  dieser  Hammelkeule  vorstelle,"  sagte  die  schwarze 
Königin.  „Alice  —  Hammelkeule,  Hammelkeule  — 
Alice."  Die  Hammelkeule  stand  in  der  Schüssel  auf 
und  verbeugte  sich  vor  Alice;  Alice  gab  die  Ver- 
beugung zurück  und  wußte  nicht,  ob  sie  sich  fürchten 
oder  freuen  sollte. 

„Darf  ich  Ihnen  ein  Stüdc  abschneiden?"  sagte 
sie,  nahm  Messer  und  Gabel  und  schaute  von  einer 
Königin  zur  andern. 

„Durchaus  nicht!"  sagte  die  schwarze  Königin 
sehr  energisch.  „Es  schickt  sich  nicht,  jemanden,  dem 

112 


man  vorgestellt  worden  ist,  zu  zerschneiden.  Tragt 
den  Braten  fort!"  Und  die  Kellner  trugen  ihn  weg 
und  brachten  einen  großen  Pflaumenkuchen  an  seiner 
Stelle. 

„Ich  möchte  dem  Kuchen  nicht  vorgestellt  werden, 
bitte,"  sagte  Alice  schnell,  „sonst  bekommen  wir 
überhaupt  kein  Abendessen;  darf  ich  Ihnen  ein  Stüdc 
geben?" 

Aber  die  schwarze  Königin  machte  ein  mürrisches 
Gesicht  und  brummfe:  „Kuchen  —  Alice,  Alice  — 
Kuchen.  Tragt  den  Kuchen  fort!"  Und  die  Kellner 
nahmen  ihn  so  schnell  weg,  daß  Alice  kaum  seine 
Verbeugung  erwidern  konnte. 

Sie  sah  aber  nicht  ein,  warum  die  schwarze  Königin 
die  Einzige  sein  sollte,  die  Befehle  gab.  So  probierte 
sie,  zu  rufen:  „Kellner,  bringen  Sie  den  Kuchen 
zurück!"  Und  sofort  stand  er  wieder  da,  wie  bei  einem 
Zauberkunststüdi.  Er  war  so  groß,  daß  er  sie  ein 
wenig  einschüchterte,  gerade  wie  die  Hammelkeule. 
Aber  sie  überwand  ihre  Schüchternheit  tapfer,  schnitt 
ein  Stüdc  herunter  und  reichte  es  der  schwarzen 
Königin. 

„Welch  eine  Unverschämtheit!"  sagte  der  Kuchen. 
„Ich  möchte  wissen,  was  du  dazu  sagen  würdest,  wenn 
ich  ein  Stück  aus  dir  herausschneiden  vwde,  du 
Geschöpf!" 

Er  sprach  mit  einer  dicken,  klebrigen  Stimme  und 
Alice  konnte  kein  Wort  erwidern.  Sie  konnte  nur 
sitzen  und  schauen  und  nach  Luft  schnappen.  „Sag 
doch  irgend  etwas,"  drängte  die  schwarze  Königin. 
„Es  ist  doch  lächerlich,  dem  Kuchen  die  Konversation 
ganz  allein  zu  überlassen!" 

„Ich  habe  heute  soviel  Gedichte  aufsagen  hören," 
fing  Alice   an   und   erschrak,   als   sie   bemerkte,    daß, 

113 


sowie  sie  den  Mund  öffnete,  aiigenblidilich  Totenstille 
eintrat  und  alle  die  Augen  auf  sie  richteten;,  „und 
komischerweise  hat  beinahe  jedes  von  Fischen  ge- 
handelt. Wie  kommt  es,  daß  die  Leute  hier  alle  so 
gerne  von  Fischen  reden?" 

Sie  hatte  zur  schwarzen  Königin  gesprochen,  deren 
Antwort  allerdings  etwas  ausweichend  klang.  „Was 
Fische  anlangt,"  sagte  sie  sehr  leise  und  feierlich 
und  hielt  ihren  Mund  ganz  nahe  an  Alicens  Ohr,  „so 
weiß  Ihre  weiße  Majestät  ein  wunderschönes  Rätsel 
—  ganz  in  Versen  —  das  nur  von  Fischen  handelt. 
Soll  sie  es  aufsagen?" 

„Ihre  schwarze  Majestät  ist  sehr  freundlich,  davon 
zu  sprechen,"  murmelte  die  weiße  Königin  in  Alicens 
anderes  Ohr.  Ihre  Stimme  klang  wie  das  Gurren 
einer  Taube.  „Das  wäre  wunderschön.  Soll  ich?" 

„Bitte!"  sagte  Alice  sehr  höflich. 

Die  weiße  Königin  lachte  entzüdd  auf  und 
streichelte  Alicens  Hals;  dann  fing  sie  an: 

„Zuerst  wird  der  Fisch  gefangen; 

das  ist  leicht,  ein  Kind  kann  ihn  erlangen. 

Dann  wird  er  zu  Markt  getragen 

und  verkauft  an  Wochentagen. 

Sodann  wird  der  Fisch  gebraten 
auf  einem  eisernen  Spaten, 
serviert  mit  grünen  Salaten 
oder  mit  Tomaten. 

Bringt  ihn  her!  Laßt  uns  nicht  vergessen, 
ihn  auch  heute  abend  zu  essen! 
Setzt  ihn  auf  den  Tisch. 
Nehmt  den  Deckel  vom  Fisch! 

114 


Oh  weh]  Der  Decke!,  vne  angeleimt, 
hält  fest  an  der  Schüssel  (well  sich's  reimt). 
Was  ist  nun  leichter  im  Guten  und  Bösen: 
Den  Deckel  oder  dies  Rätsel  zu  lösen?" 

„Laß  dir  eine  Weile  Zeit  zum  Nachdenken  und 
dann  ratel"  sagte  die  schwarze  Königin.  „Einstweilen 
wollen  wir  auf  dein  Wohl  trinken.  —  Das  Wohl  der 
Königin  Alice!"  schrie  sie  mit  ihrer  lauten  Stimme, 
und  alle  Gäste  fingen  sogleich  zu  trinken  an,  und 
zwar  auf  sehr  komische  Art.  Einige  setzten  ihre  Gläser 
auf  wie  Kerzenauslöscher  und  tranken  alles,  was  ihnen 
über  das  Gesicht  herunterrann  —  die  andern  warfen 
die  Gläser  um  und  tranken  den  Wein  vom  Tisch- 
rand, über  den  er  heruntertropfte.  Drei,  die  aussahen 
wie  Känguruhs,  krochen  in  die  Schüssel  des  Hammel- 
bratens und  fingen  an,  eifrig  den  Saft  aufzulecken. 
Genau  wie  Schweine  in  einem  Trog,  dachte  Alice. 

„Du  mußt  in  einer  hübschen  Rede  danken,"  sagte 
die  schwarze  Königin   und  schaute  Alice  finster   an. 

„Wir  müssen  dich  unterstützen,"  flüsterte  die  weiße 
Königin,  als  Alice  gehorsam  aufstand,  obwohl  sie  ein 
wenig  Angst  hatte. 

„Danke  vielmals,"  flüsterte  sie,  „aber  ich  kann 
ganz  gut  allein  stehen." 

„Das  würde  sich  nicht  schicken,"  sagte  die  schwarze 
Königin  sehr  bestimmt.  So  mußte  Alice  es  sich  ge- 
fallen lassen,  daß  sie  sie  stützten. 

(„Und  sie  haben  mich  so  gequetscht,"  sagte  sie 
nachher,  als  sie  ihrer  Schwester  die  Geschichte  des 
Festmahls  erzählte.  „Ich  fürchtete,  sie  würden  mich 
ganz  flach  pressen.") 

Tatsächlich  war  es  ziemlich  schwer  für  sie,  auf 
ihrem  Platz  stehen  zu  bleiben,  während  sie  sprach. 
Die   beiden  Königinnen  drückten  sie  von  jeder  Seite 

115 


so  stark,  daß  sie  sie  beinahe  in  die  Luft  hoben.  „Ich 
erhebe  mich,  um  zu  danken  — "  begann  Alice  und 
im  Sprechen  erhob  sie  sich  wirklich  um  einige  Zoll, 
aber  sie  hielt  sich  am  Tischrand  fest  und  es  gelang 
ihr,  sich  wieder  auf  den  Boden   herunter  zu  drüdien. 

„Nimm  dich  in  acht!"  schrie  die  weiße  Königin 
und  faßte  Alicens  Haar  mit  beiden  Händen.  „Es  wird 
etwas  geschehen!"  Und  dann  (so  beschrieb  Alice  es 
nachher)  geschahen  alle  möglichen  Dinge  zugleich. 
Die  Kerzen  wuchsen  zur  Zimmerdecke  herauf,  sie 
sahen  aus  wie  ein  Binsenbeet  mit  Raketen  an  der 
Spitze.  Die  Flaschen  nahmen  je  zwei  Teller  und  setzten 
sie  eilig  als  Flügel  an,  benützten  die  Gabeln  als 
Beine  und  flatterten  in  alle  Richtungen  davon;  „und 
sie  sehen  Vögeln  ungeheuer  ähnlich,"  dachte  Alice, 
so  gut  sie  in  dieser  entsetzlichen  Verwirrung  über- 
haupt denken  konnte. 

In  diesem  Augenblidc  hörte  sie  neben  sich  ein 
heiseres  Lachen  und  drehte  sich  um,  zu  sehen, 
was  mit  der  weißen  Königin  los  sei,  aber  statt  der 
Königin  saß  die  Hammelkeule  im  Sessel.  „Hier  bin 
ich!"  schrie  eine  Stimme  aus  der  Suppenterrine  und 
Alice  drehte  sich  wieder  um,  gerade  rechtzeitig,  um 
zu  sehen,  wie  das  gutmütige  Gesicht  der  Königin 
sie  einen  Augenblidi  über  den  Rand  der  Suppen- 
terrine angrinste,  ehe  es  in  der  Suppe  verschwand. 
Es  war  kein  Augenblick  zu  verlieren;  schon  lagen  ein 
paar  von  den  Gästen  in  den  Schüsseln  und  der 
Suppenschöpfer  ging  auf  dem  Tisch  zu  Alicens  Stuhl 
und  forderte  sie  ungeduldig  auf,  ihm  Platz  zu  machen. 

„Das  kann  ich  nicht  länger  dulden!"  schrie  sie, 
sprang  auf  und  nahm  das  Tischtuch  mit  beiden  Händen. 
Ein  ordentlicher  Rudc  und  alle  Teller,  Schüsseln,  Gäste 
und  Kerzen  lagen  krachend  in  einem  Haufen  auf  dem 
Fußboden. 

116 


„Was  Sic  anbelangt,"  fuhr  sie  fort  und  wandte 
sich  heftig  an  die  schwarze  Königin,  die  sie  als  die 
Ursache  alles  Unheils  ansah  —  aber  die  Königin 
saß  nicht  mehr  neben  ihr  —  sie  war  plötzlich  so 
klein  geworden  wie  ein  Püppchen  und  lief  nun  auf 
dem  Tisch  vergnügt  im  Kreis  ihrem  Schultertuch  nach, 
das  sie  hinter  sich  herzog. 

In  jedem  anderen  Augenblick  wäre  Alice  darüber 
erstaunt  gewesen,  jetzt  aber  war  sie  viel  zu  aufgeregt, 
um  über  irgend  etwas  in  Erstaunen  zu  geraten.  „Was 
Sie  anbelangt,"  fuhr  sie  fort  und  erwischte  die  kleine 
Person  bei  einem  Sprung  über  eine  Flasche,  die 
gerade  auf  den  Tisch  gestiegen  war.  „Sie  will  ich 
so  lange  beuteln,  bis  Sie  ein  Kätzchen  sind,  jawohl, 
das  will  ich." 


117 


X. 

K 

a 

p 

i 

t 

e 

1. 

B 

e 

u 

t 

e 

1 

n. 

Sie  beutelte  sie  vom  Tisch  herunter,  während  sie 
sprach,  und  beutelte  sie  nachher  mit  aller  Kraft  in 
der  Luft  hin  und  her. 

Die  schwarze  Königin  leistete  gar  keinen  Wider- 
stand, nur  wurde  ihr  Gesicht  sehr  klein  und  ihre 
Augen  wurden  sehr  groß  und  grün,  und  während 
Alice  fortfuhr  sie  zu  beuteln,  wurde  sie  immer  kleiner 
—  und  didcer  —  und  weicher  —  und  runder  — 


118 


XL  K  a  p  i  t  e  1. 

Aufwadicn, 

—  und  sie  war  wirklich  ein  Kätzchen. 


119 


XII.  K  a  p  i  t  e  I. 

Wer     hat     es     geträumt? 


—  „Eure  schwarze  Majestät  sollten  nicht  so  laut 
schnurren!"  sagte  Alice,  rieb  sich  die  Augen  und 
sprach  das  Kätzchen  respektvoll,  aber  doch  mit  einiger 
Strenge  an.  „Sie  haben  mich  geweckt  —  oh,  aus 
einem  wunderbaren  Traum I  Du  warst  die  ganze  Zeit 
bei  mir  —  wir  sind  durchs  ganze  Spiegelland  ge- 
gangen. Erinnerst  du  dich,  Miez?" 

Es  ist  eine  unangenehme  Gewohnheit  der  Katzen 
(wie  Alice  einmal  bemerkt  hat),  daß  sie  schnurren, 
was  immer  man  auch  zu  ihnen  sagt.  „Würden 
sie  schnurren,  um  ,ja*  zu  sagen,  und  miauen,  um 
»nein*  zu  sagen,  oder  eine  ähnliche  Regel  ein- 
halten, dann  könnte  man  doch  mit  ihnen  reden. 
Aber  was  soll  man  mit  einer  Person  sprechen, 
die  immer  dasselbe  sagt?"  Jetzt  also  schnurrte  das 
Kätzchen,  und  es  war  unmöglich,  zu  erraten,  ob  es 
ja  oder  nein  meinte.  Nun  suchte  Alice  unter  den 
Schachfiguren  auf  dem  Tisch,  bis  sie  die  schwarze 
Königin  gefunden  hatte,  und  dann  kniete  sie  auf 
dem  Teppich  vor  dem  Kamin  nieder  und  stellte  das 
Kätzchen  und  die  Königin  einander  gegenüber.  „Schau 
einmal,  Kätzchen!"  rief  sie  und  klatschte  triumphierend 
in  die  Hände.  „Gesteh  jetzt,  daß  du  dich  in  sie  ver- 
wandelt hast!"  („Aber  sie  hat  sie  gar  nicht  angeschaut," 
sagte  sie,  als  sie  die  Sache  nachher  ihrer  Schwester 
erklärte,  „sie  hat  den  Kopf  umgedreht,  als  ob  sie 
nicht  sehen  könnte;  nur  ein  bißchen  verlegen  hat  sie 
ausgesehen,  also  muß  sie  doch  die  schwarze  Königin 
gewesen  sein.")  „Sitz  ein  bißchen  gerader,  meine 
Liebe!"   rief  Alice  lächelnd,   „und  knixe  während  du 

120 


nachdenkst,  was  du  schnurren  sollst;  das  erspart 
Zeit!"  Und  sie  fing  das  Kätzchen  und  küßte  es,  weil 
es  eine  schwarze  Königin  gewesen  war. 

„Schneeweißchen,  Liebling,"  fuhr  sie  fort  und 
schaute  über  ihre  Schulter  zu  dem  weißen  Kätzchen 
hin,  das  noch  immer  geduldig  sich  das  Gesicht 
waschen  ließ.  „Wann  wird  Dinah  endlich  mit  Eurer 
weißen  Majestät  fertig  sein?  Das  ist  wahrscheinlich 
der  Grund,  warum  du  in  meinem  Traum  so  unordent- 
lich ausgesehen  hast.  —  Dinah!  weißt  du,  daß  du 
eine  weiße  Königin  abreibst?  Das  ist  wirklich  sehr 
respektlos  von  dir." 

„Was  ist  Dinah  nur  gewesen?"  plauderte  sie  weiter 
und  setzte  sich  behaglich  nieder,  einen  Ellenbogen 
auf  dem  Teppich,  das  Kinn  in  der  Hand,  und  schaute 
die  Kätzchen  an.  „Sag  einmal,  Dinah,  bist  du  viel- 
leicht Plumpsti  Bumsti  gewesen?  Ich  glaube  fast  — 
aber  sag  noch  niemand  etwas  davon,  denn  ich  bin 
nicht  sicher." 

„Miez,  wenn  du  nur  wirklich  in  meinem  Traum 
mit  mir  gewesen  wärst,  etwas  hätte  dir  sicher  ge- 
fallen —  man  hat  mir  so  viele  Gedichte  aufgesagt 
und  alle  handelten  von  Fischen.  Morgen  früh  sollst  du 
ein  Festmahl  haben.  Die  ganze  Zeit  während  du  früh- 
stückst, will  ich  dir  ,Das  Walroß  und  der  Zimmermann' 
aufsagen  und  dann  kannst  du  dir  einbilden,  daß  du 
Austern  schmauset,  mein  Schatz.  Jetzt  aber,  Miezchen, 
wollen  wir  überlegen,  wer  denn  geträumt  hat.  Das  ist 
eine  sehr  ernste  Frage.  Und  du  sollst  dir  nicht  so  die 
Pfote  ledcen,  —  als  ob  Dinah  dich  nicht  gewaschen 
hätte!  Siehst  du,  Miez,  entweder  habe  ich  geträumt 
oder  der  schwarze  König.  Er  war  natürlich  ein  Teil 
von  meinem  Traum;  aber  dann  war  ich  auch  ein  Teil 
von  seinem  Traum!  War  es  der  schwarze  König, 
Miez?  Du  warst  seine  Frau,  mein  Schatz,  also  müßtest 

121 


du  es  wissen.  —  O  Miez,  hilf  mir  es   doch  heraus- 
bringen!   Deine   Pfote   hat   ZeitI"    Aber    das    weiße 
Kätzchen   fing   nur   an,   die   andere  Pfote   zu   lecken 
und  tat,  als  hätte  es  die  Frage  nicht  gehört. 
Was  glaubst  du  wohl,  wer  es  gewesen  ist? 


Im  Juii   war's.  Ich   gliif  in   leiditem  Boot, 
Vom   Wald   umrausdit,  von   Sonnenglut  umloht. 
Träumend   hinein   ins   Sommerabendrot. 

Drei  frohe   Kinder  saßen  mir  zurseit, 

Mit  Aug'   und   Ohr  sehnsüditig  und   bereit. 

Und  sdimeidielten:  „Erzähl  uns  wieder  heuti"  — 

Der  Julisonne   Glanz   ist  längst   dahin, 
Herbstfröste   über  kahle   Ufer  ziehn. 
Das   Echo   sdiläft,  Erinnerungen   fliehn. 

Doch  meine   Freundin   immer  wieder  steigt 

Aus  jenem   Strom,    der  sanft   sich   abwärts  neigt: 

Alice,   die   nie   dem  wachen  Blidc   sidi  zeigt. 

Und  immer  noch  sind  Kinder  mir  zurseit 
Mit  Aug'  und  Ohr  sehnsüchtig  und  bereit, 
Sdimeichelnd  „erzähl!  erzähle!"  allezeit. 

Sie  alle  wohnen  selbst  im  Wunderland, 

Sie  gehn  durdi  Träume,  glüd^lidi  und  gespannt, 

Sie  schauen  und  sie  lauschen  unverwandt. 

Stromabwärts  gleitend  in  durchsonntem  Raum 
Tauchen  sie  nieder  in  den  goldnen  Schaum  — 
Was  ist  das  Leben  anders  als  ein  Traum? 


Drude  von  OHo  Maaß'  Söhne  Ges.  m.  b.  H„ 
Wien,  I.  Wailfischgasse  Nr.  10      —      683  23